Irina Gruschewaja

Irina – wenn sie gerufen wird, klingt immer etwas Liebevolles und manchmal Ehrfürchtiges in diesem Namen. Wer wüßte nicht um ihre tausend Anrufe, Termine, Aktionen, Ideen? Sie erreicht die Herzen der Menschen. “Ich schaue weg und weine”, titelte die Frankfurter Rundschau, als Irina 1990 auf abenteuerlichen Weg die Botschaft der Tschernobyl-Kinder in den Westen brachte. Zu weinen bleibt… Aber wegsehen gilt nicht.

Zur Person

Irina wurde in Simferopol, eine Stadt auf der Krim, geboren. Sie verbrachte dort ihre Kindheit und wechselte 1966 nach Abschluss der Mittelschule nach Minsk, um als Studentin an der Minsker Pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen Germanistik zu studieren. Sie blieb nach Abschluss des Studiums an der Hochschule.

1971 begann sie als Assistentin am Lehrstuhl für Deutsch, arbeitete dort von 1978 bis 1982 als Doktorandin für Germanistik im Fernstudium, erhielt 1982 den Doktortitel und wurde 1986 Oberhochschullehrerin. 1989 wurde ihr der Dozententitel verliehen.

Die Laufbahn einer Wissenschaftlerin also mit wissenschaftlichen Arbeiten, Konferenzen und Veröffentlichungen - etwa 30 Artikel in Germanistik zur Methodik und Sprachgeschichte liegen von ihr vor. 2002 wurde ihr der Professorentitel verliehen.

Ihr Tschernobyl-Weg

Das Jahr 1989 brachte eine einschneidende Wende. Sie engagierte sich in der Bürgerbewegung. Sie wurde Mitbegründerin und Mitglied der ersten Bürgerinitiative in Belarus, die Bürgerbewegung »Den Kinder von Tschernobyl«.

Bekannt wurde die Bürgerbewegung durch ihre politische Tätigkeit gegen das Schweigen, Verheimlichen und Verharmlosen der Folgen von Tschernobyl in Belarus. Sie gehörte dem Vorstand der Stiftung »Den Kinder von Tschernobyl« e.V. an, und war Präsidentin des Bildungs- und Begegnungswerkes der Stiftung sowie der Internationalen Assoziation für humanitäre Zusammenarbeit (IAHZ).

Unermüdlich reiste sie, sprach von der Hoffnung für die Kinder und unser aller Zukunft, knüpfte Kontakte in Deutschland, Österreich, Norwegen, Schottland, Italien, Tschechien, Polen, Rumänien, der Schweiz und den Niederlanden, initiierte Programme für Kinder, Jugendliche und Frauen.

So gehört sie seit 1993 zum Ökumenischen Forum Christlicher Frauen in Europa und war von 1994–2009 Nationalkoordinatorin.

Mit zahllosen Vorträgen in Konferenzen und Treffen hat sie dazu beigetragen, daß das Thema »Tschernobyl« nicht vergessen wird. Die humanitäre Arbeit betrachtet sie nur als Teil einer großen politischen Arbeit für Demokratie, für Menschenrechte und Frieden, gegen die Atomkraft. Oft besucht sie mit ihren FreundInnen belastete Gebiete, um dort den Widerstand zu stärken.

Ihrem Vortrag vor dem Ökumenischen Forum 1995 in Kreta »Die Hoffnung im Land der Hoffnungslosigkeit« stellte sie ein Wort von Waclav Havel voran:

Die Hoffnung, im Gegensatz zum Optimismus, ist nicht die Erwartung, daß es gut ausgeht, sondern das Engagement in Gewißheit, daß es Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Es ist zu ihrer Lebensmaxime geworden.

Viele Seiten im Buch der »Der Tschernobyl-Weg – Von der Katastrophe zum Garten der Hoffnung« basieren auf ihren Erzählungen und ihren Texten. Die deutsche Ausgabe wurde von Ihr editiert und herausgegeben.

Ehrungen

1995 – Auszeichnung mit dem internationalen Preis „Für das Engagement in Ökologie unter besonders schwierigen politischen Bedingungen“ (Valencia)

1999 – Auszeichnung mit dem Ehrenzeichen „The United Nations Dove“ für Aktivitäten im Bereich Menschenrechte, Frauenrechte und Gendergleichheit (Niederlande)

2005 – Nominierung für den Friedensnobelpreis im Rahmen der Aktion „FriedensFrauen Weltweit

2006 – Auszeichnung mit dem Martini-Preis der SPD Rheinland-Pfalz für die politische Dimension des humanitären Werkes „Den Kindern von Tschernobyl“

2008 – Auszeichnung mit dem Shalom-Menschenrechtspreis der katholischen Universität in Eichstätt (für das Projekt gegen die Gewalt an Frauen und gegen den Menschenhandel in Belarus)

2011 – Preis „Frauen Europas“ für das Projekt „Den Kindern von Tschernobyl“ und für die damit verbundene humanitäre Zusammenarbeit in Europa.

Preisträgerin »Frau Europas 2011«

Laudatio von Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Preisträgerin,

es ist mir eine große Freude, als Ehrenpräsidentin des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland (EBD) eine Laudatio für die diesjährige Preisträgerin zu halten und Ihr anschließend mit Frau Männle und Frau Irina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein den Preis für »Frau Europas - Deutschland 2011« verleihen zu dürfen. An dieser Stelle möchte ich mich vor allem bei »Women in Leadership Europe« bedanken, die uns heute diesen Abend ermöglicht haben.

Die Auszeichnung mit diesem Preis würdigt Frauen, die sich durch ihr ehrenamtliches gesellschaftliches Engagement in besonderer Weise für das Zusammenwachsen und die Festigung eines vereinten Europas einsetzen.

Nach Ansicht der Jury liegt die Auswahl der Preisträgerin mit ihrer Initiative unter anderem darin begründet, dass ihr beispielloses, viele Tausende Menschen vernetzendes bürgerschaftliches Engagement zwischen Weißrussland und Westeuropa – allen voran Deutschland – ein einzigartiger Brückenbau zwischen Menschen und Menschen um der Menschlichkeit willen ist. Ungeachtet der eigenen Sicherheit in einem diktatorischen System und über die Ideologiegrenzen hinweg bis heute, obwohl sie mittlerweile aus dem Exil in Berlin agieren muss, setzt sie ihre Tätigkeiten fort.

Wir ehren heute Frau Irina Gruschewaja!

Wir alle sind heute und hier zusammengekommen, um eine Frau zu ehren, die sich dem Ehrenamt verschrieben hat und dieses durch ihr ganz persönliches Tun, ja bildlich gesprochen, lebt. Irina Gruschewaja ist zu einer Institution geworden und so war es nur folgerichtig, dass das Netzwerk Europäische Bewegung Deutschland ihr in Anerkennung und Würdigung ihres langjährigen zivilen Engagement infolge der Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl und ihren Einsatz für die Entwicklung von Demokratie und Zivilgesellschaft in Belarus und insbesondere ihrer Initiative mit dem Titel »Den Kindern von Tschernobyl« den Preis »Frau Europas 2011« zuerkennt.

Bevor wir ihr den Preis aushändigen, gestatten Sie mir zunächst auf einige Stationen des Lebens und Wirkens von Irina Gruschewaja einzugehen, da diese sehr schön unterstreichen, was Frau Gruschewaja in ihrem Leben so auszeichnet und aus welchem Grunde sie diesen Preis erhält.

Am 1.9.1948 wurden Sie verehrte Frau Gruschewaja in Simferopol, einer Stadt auf der Krim, geboren. Sie verbrachten dort ihre Kindheit und wechselten 1966 nach Abschluss der Mittelschule nach Minsk, um als Studentin an der Minsker Pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen Germanistik studieren zu können. Nach Ihrem Abschluss begannen Sie 1971 als Assistentin am Lehrstuhl für Deutsch zu arbeiten. Ihren wissenschaftlichen Laufbahn verfolgten Sie weiterhin in den Jahren von 1978 bis 1982 als Doktorandin für Germanistik im Fernstudium und erhielten 1982 Ihren Doktorlitel. lm Jahre 1989 wurde ihnen der Dozententitel zuerkannt. Bis 1992 blieben Sie wissenschaftlich aktiv.

Vor 25 Jahren – am 26. April 1986 – geschah etwas, was als unmöglich galt. Ein Atomreaktor explodierte im ukrainischen Tschernobyl. Das benachbarte Belarus war am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffen. Lediglich wusste das dort niemand. Auch die westliche Welt erfuhr nur durch einen Zufall von der Katastrophe.

Im Anblick des Tschernobyl-Desasters standen Menschen auf, Betroffene und Engagierte durchbrachen die Mauer des Schweigens und begannen zu kämpfen für das Leben, die Zukunft, für eine Alternative der Humanität. Tschernobyl wurde nicht nur als technisches Desaster begriffen, sondern zugleich als eine politische Katastrophe.

Im Zuge von Glasnost und Perestroika formierte sich auch in Belarus eine demokratische Volksbewegung, die »Volksfront«. Im Frühjahr 1989 gründete die weißrussische Bürgerrechtlerin Irina Gruschewaja gemeinsam mit ihrem Mann Professor Dr. Gennadij Gruschewoj und mit anderen Engagierten im Rahmen der Volksfront die erste Bürgerinitiative mit dem Komitee: »Kinder von Tschernobyl«, um dieses Desaster etwas zu minimieren. Ihr Ziel war es auch, eine politische Wende herbeizuführen und gegen das sowjetische System zu protestieren, das die Folgen von Tschernobyl verheimlichte. Eineinhalb Jahre lang musste diese Initiative praktisch illegal arbeiten. Aber trotz allen Widerständen konnten viele zivilgesellschaftliche Aktionen und soziale Einrichtungen in den verstrahlten Gebieten in Gang gebracht werden. Erst 1990 wurde das Komitee als weißrussische gemeinnützige Stiftung »Den Kindern von Tschernobyl« durch das Justizministerium offiziell registriert. Von ihren Anfängen an stand und steht die Stiftung als eine zivilgesellschaftliche Bewegung gegen Unterdrückung und für eine freie Bewegung der Menschen.

Das Paar bewies Mut und Durchhaltevermögen, in dem sie, im damals noch sowjetischen Belarus waren Initiativen oder Vereine unbekannt und unerhört, ohne rechtlichen Background, ohne Büroräume oder finanzielle Mittel Auslandsreisen für Kinder aus verstrahlten Gebieten zu organisierten. Seither konnten, ich unterstreiche, mehr als eine halbe Million Tschernobyl-Kinder – Erst-Opfer und Spätfolge-Opfer – auf Erholungs- und Gesundungsreisen nach Westeuropa kommen – vor allem nach Deutschland.

Durch Gruschewajas unermüdlichen tatkräftigen Einsatz - von der konkreten Reise-Organisation über Vortragsreisen bis hin zum Kontakte-Knüpfen und Türen-Öffnen – hat sich die belarussische Initiative zu einer internationalen Initiative entwickelt. Inzwischen machen sich heute in Deutschland hunderte zivilgesellschaftliche Tschernobyl-Initiativen stark für die betroffenen Kinder (und mittlerweile betroffenen Kindeskinder) der Atom-Katastrophe. Sie haben sich zusammengeschlossen zur Bundesarbeitsgemeinschaft »Den Kindern von Tschernobyl«.

Die von Gruschewaja initiierte belarussisch-deutsche Brücke im Namen der Menschlichkeit hilft schon lange nicht mehr nur den Tschernobyl-Kindern. Die zivilgesellschaftliche Menschenrechtsinitiative umfasst mittlerweile soziale Projekte weit darüber hinaus. Es hat sich zu einem beispiellosen Bildungs- und Begegnungswerk in Belarus entwickelt, das unter anderem Jugendfestivals, eine Beratungsstelle für Frauen und Mädchen, ein Club für alte Menschen, die aus ihrer Heimat bei Tschernobyl in gesichtslose Plattenbauten in Minsk umgepflanzt wurden, Schulen für an Diabetes erkrankte Kinder und Jugendliche, Selbsthilfegruppen für Behinderte, Konferenzen, Friedensarbeit am Versöhnungsgedanken infolge der Weltkriegs-Gräuel anbietet.

Besonders hervorheben möchte ich, dass Gruschewajas Projekte auch Ausdruck des zivilen Ungehorsams und Widerstandes geworden sind, denn hier wird soziales Engagement frei und ohne Einmischung des Staates gelebt.

Dieses Bollwerk ungekannten bürgerschaftlichen humanitären Engagements mit der potenten Unterstützung der deutschen Zivilgesellschaft war und ist dem belarussischen Staat – der letzten Diktatur Europas – ein Dorn im Auge. Schikanen begleiten die Hilfsinitiativen seit Anbeginn und zwangen die Aktivistin und ihren Mann auch schon einmal, in den Jahren von 1997-1998 ins Exil nach Deutschland zu gehen. Soziales und bürgerschaftliches Engagement gilt in Weißrussland bis heute insgeheim als staatsfeindlich – noch dazu rund um die Tschernobyl-Thematik – die immer noch weitgehend negiert wird.

Sie knüpfte Kontakte in Deutschland, Österreich, Norwegen, Schottland, Italien, Tschechien, Polen, Rumänien, der Schweiz und den Niederlanden.

Irina Gruschewaja lebt seit drei Jahren aus Sicherheitsgründen in Berlin. Von hier aus setzt sie ihre Arbeit für und in Belarus fort, pflegt Kontakte mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern in Belarus und in West-Europa und organisiert weiterhin Projekte, die in Belarus nach wie vor hart am Rande der dortigen Legalität durchgeführt werden.

Ihre Ansicht bezüglich Ihres Engagements hatte mal Frau Gruschewaja in Ihrem Vortrag vor dem Ökumenischen Forum 1995 in Kreta mit den Worten von Waclav Havel begründet:

»Die Hoffnung, im Gegensatz zum Optimismus, ist nicht die Erwartung, dass es gut ausgeht, sondern das Engagement in Gewissheit, dass es Sinn hat, egal wie es ausgeht.«

Mit ihrem unermüdlichen Einsatz in Form von zahllosen Vorträgen in Konferenzen und Treffen hat sie dazu beigetragen, dass das Thema »Tschernobyl« nicht vergessen wird. Das zivilgesellschaftliche Engagement betrachtet sie nur als Teil einer großen politischen Arbeit für Demokratie, für Menschenrechte und Frieden, gegen die Atomkraft das ist Irina Gruschewaja.

Mögen noch lange Ihre unermüdlichen tatkräftigen Einsätze weiterbestehen.

Ich danke Ihnen!

Darf ich nun Frau Irina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein und Frau Männle auf die Bühne bitten, um den Preis an Frau Gruschewaja überreichen zu können.

Rede der Preisträgerin »Frau Europas 2011« Prof. Dr. Irina Gruschwaja

Ich bedanke mich für das Verständnis, dass dieser emotionale Sturm, den ich erlebe, von Ihnen getragen wird. Es ist nicht einfach, heute hier im Rampenlicht zu stehen. Ich habe schon viele Male im Rampenlicht gestanden, aber damals fiel es mir viel leichter, weil es um mein Anliegen ging, meine Arbeit. Darum, dass die Menschen verstehen, warum wir uns aufgemacht haben, warum wir losgezogen sind, Brücken zu bauen – das war wirklich leichter.

Und wenn ich jetzt in diesen Saal hinein sehe, sehe ich so viele vertraute Gesichter, und ich grüße Sie alle so herzlich! Vor allem meine Kinder, die nur zu gut wissen, was es bedeutet, wenn die Eltern in den Krieg ziehen, sei es auch ein unsichtbarer. Der Krieg des Tschernobyl-Atoms. Ich grüße von hier auch meinen Mann, der zu Hause ist und mitdenkt und -fühlt, genauso wie meine Mitarbeiterinnen im kleinen Büro, die gerade dabei sind, den Jugendkongress im Dezember vorzubereiten – illegal, wie in den letzten drei Jahren, aber sie geben nicht auf. Ich grüße meine Kollegen aus der linguistischen Universität, die heute leider nicht mehr in unseren Reihen sind, weil das Verbot des Staates sich auch auf sie erstreckt hat.

Die Hochschullehrer aus der linguistischen Universität haben praktisch die ganze Tschernobyl- Bewegung mit aufgebaut, indem sie dafür gesorgt haben, dass wir weltweit, in 23 Ländern, nicht nur unsere Kinder unterbringen, sondern auch unser Engagement teilen und sehr viel lernen konnten von den Menschen, die in den Demokratien leben. Ich begrüße meine Mitstreiterinnen, die Frauen aus der Organisation »terre des femmes« e. V. und aus dem »ökumenischen Forum Christlicher Frauen Europas«, mit denen wir unzählige Projekte in Belarus aufbauen konnten, die Ideen ausgetauscht haben – wir haben von einander so viel gelernt!

Ich begrüße auch meine Freunde, die mich in der Zeit meines Lebens hier unterstützt und emotional aufgebaut haben, auch meine neuen Kolleginnen, weil ich jetzt das Glück habe, seit zwei Jahren in der Best-Sabel-Hochschule zu arbeiten und Russisch zu unterrichten – nicht mehr Deutsch, wie ich es damals bei mir zu Hause gemacht habe –, und auch meine Studentinnen, die hier im Saal sind. Für mich ist das alles die Gemeinschaf der Bürger Europas. Und die Vertreter von dem Verein »Bürger Europas«, wo ich seit zehn Jahren den Zweiten Vorsitz teile mit Herrn Häußler, die sind auch da, und wir sind alle Bürger Europas.

Ich bedanke mich sehr für diese Auszeichnung, weil das uns und mir zeigt: Unsere Tschernobyl- Kinder sind europäische Menschen, sie sind auch Bürger Europas, wenn auch nicht zur Europäischen Union gehörend. Aber dieser Zaun, der zwischen Polen und Belarus steht, ist wie der Eiserne Vorhang zur Zeit Stalins: Dieser Zaun trennt uns, und lange Zeit haben wir gedacht, er würde uns einfach abschotten. Das ist aber nicht passiert, weil wir so viele Kinder als Freunde, als Brückenbauer, zu den westlichen Nachbarn geschickt haben mit der Botschaf : »Ich will leben! Ich will dazugehören!«

Burkhardt Homeyer, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft »Den Kindern von Tschernobyl«, die sich seit 20 Jahren international für die Kinder engagiert, sagte immer: »Wir sind nie fertig, wir sind werdende Menschen.« Und ich bedanke mich ganz herzlich, dass Du, Burkhardt, mir so viele Male den Rücken gestärkt hast, dass ich immer wieder aufstehen und unser Werk fort- setzen konnte. Ich fühle mich als werdender Mensch, und ich wünsche mir, dass Sie alle hier dieses Gefühl in sich entdecken, dass wir nie müde werden, Mensch zu sein. An dieser Stelle bedanke ich mich sehr bei der lieben Rita Süssmuth, Sie haben mir (in Ihrer Laudatio) aus dem Herzen gesprochen, denn dieses Thema treibt mich seit Langen um: Wie viel Mensch ist in uns, wann beginnt der Mensch in uns, und wann endet er? Die Geschichte hat gezeigt, dass es sehr leicht ist, den Menschen aus uns auszutreiben...

Wenn die deutschen Familien unsere Kinder in ihren Dörfern besuchen, dann werden viele Geschichten erzählt. Bei einer dieser Erzählungen war ich dabei, und die Geschichte hat mich er- schüttert, weil ich verstanden habe, dass die Frage des Menschwerdens das A und O ist in Europa, in Belarus:

Ein faschistischer Soldat war irgendwann im Laufe des Zweiten Weltkrieges in einem Konvoi, mit dem die Faschisten die Menschen aus dem heute sehr stark verstrahlten Gebiet Dobrusch ins Massengrab trieben. Da waren Mütter mit kleinen Kindern, da waren auch Männer dabei, und eine junge Frau mit zwei Kindern, eins an der Hand, zwei Jahre alt, und das zweite sieben Monate alt – das war der Mensch, der uns die Geschichte erzählte. Vielleicht hatte dieser junge Soldat zu Hause eine Schwester, auf jeden Fall hat er der Mutter ein Zeichen gegeben, sie solle zurück- bleiben, und dann hat er über ihre Köpfe hinweg geschossen. Die drei lagen im Straßengraben, und die beiden Kinder haben nicht geschrien. Die haben gehandelt, als hätten sie verstanden: Das wird ihnen das Leben retten. In diesem Augenblick erhob sich dieser Soldat zu einem Menschen, weil er in sich den Menschen entdeckt hatte. Das war für ihn sicher nicht ungefährlich.

Dies ist ein Bild, das sehr viele Facetten hat, denn in vielen der weit entlegenen Dörfern, wo die Deutschen, die zu uns gekommen sind, die Tschernobyl-Kinder besuchen, sind die Wunden des Krieges nicht vergessen worden. Aber: Dass auch Deutsche gekommen sind, die den Frieden gebracht haben, die die Sorge um unsere Kinder gebracht haben – das ist die internationale Zivilesellschaft im Einsatz. Das ist die Größe dieses Werkes, das wir alle zusammen aufbauen konnten.

»Hilfswerk« will ich es gar nicht nennen: Das ist kein Hilfswerk, es ist ein Werk der Menschen, die ihr Menschsein erkannt habe. Die zuerst durch die Angst erschüttert wurden. Hier im Westen durch Tschernobyl, die gesagt haben: »Was wird sein? Was können wir essen?« – viel früher, als wir es im verstrahlten Belarus gewusst haben.

Ja, zuerst war die treibende Kraft Angst. Aber dann war es die Sorge um die Menschen, die unmittelbar diesen Schlag abbekommen haben (heißt es ein Schlag, oder heißt es einfach Belastung? Die Wissenschaftler haben sehr viele Wörter dazu erfunden, um uns zu vertrösten und um uns auch zu Beweismaterial zu machen. Sie haben uns gesagt: »Nein, es ist noch nicht bewiesen worden, wie gefährlich Tschernobyl ist«).

Aber: Nach einer absolut expandierenden Aktion der Hilfe, der Zusammenarbeit, des Wachwerdens der Bürger kam die Zeit – in Deutschland ist der »Ausstieg aus dem Ausstieg« dafür exemplarisch –, wo Tschernobyl plötzlich kein Thema mehr war. Für Belarus galt das schon lange, weil Lukaschenko bereits im Jahr 2000 erklärte: »Mit Tschernobyl sind wir fertig.« Und wir mit unserem Engagement, das wir immer politisch verstanden hatten, wenn es auch um Hilfe ging – wir meinten, unser soziales Engagement ist Ausdruck des Ungehorsams, weil in einem paternalistischen Staat, der alles kontrolliert, kein Engagement genehmigt wird und jedes Engagement den Glauben an die Allmacht des Staates untergräbt – wir dachten, es ist aus, und wir werden ins Archiv abgeschoben mit unserem Engagement, das politische Folgen hätte haben sollen.

Wir wollten aber den Politikern unsere Zukunft nicht überlassen. Wir wollten aktive Menschen bleiben, aber wir kann man aktiv bleiben, wenn man auch arbeiten soll? Viele Vorstandsmitglieder von uns sind in dieser Zeit gestorben – 16 tolle Frauen und Männer, die Leiter von verschiedenen Programmen in den Ländern –, sehr viele sind eingeschüchtert worden, wieder andere sind durch das radikale Vorgehen im Gefängnis gelandet. 2004 wurde der erste Versuch unternommen, die Kinderreisen zu verbieten, und wir sagten: »Das erinnert uns an den biblischen Herodes, der die Kinder schlachten lässt, damit sie ihm nicht den prophezeiten Tod bereiten.« Damit konnten wir das Verbot abwenden, wir konnten die Kinder weiter verschicken, und wir konnten unsere Brücken weiter bauen.

Aber die Tschernobyl-Bewegung wurde gespalten, weil sehr viele helfende Menschen nur die Opfer sehen wollten und nicht die Menschen, die wach geworden waren, und im Kleinen etwas bewirkten, und an sich selbst zu glauben begannen: dass sie etwas bewirkten, dass sie auf die Politik einwirken müssen, dass sie sie verändern können. So etwas kann man sich anmaßen? Haben wir.

2008, am 13. Oktober, vier Jahre später, kam das Dekret 555: Kein Kind darf mehr reisen. Der Hohn der Geschichte: Am selben Tag entscheiden Europarat und Europäisches Parlament, dass Lukaschenko mit seinen Helfershelfern nach Europa einreisen kann. Die Schreie der Kinder, die im darauf folgenden Sommer 2009 hinter dem Zaun geblieben sind, wurden kaum gehört. Wir haben nicht aufgegeben: Die Bundesarbeitsgemeinschaft , die Initiativen in der Schweiz – ich grü- ße meine Schweizer Freundinnen und Freunde, die angereist sind –, in Holland, in Schottland, in Norwegen haben versucht zu kämpfen, haben ihre Politiker regelrecht geschüttelt. Wir haben es geschafft: Die Kinder konnten ein Jahr später wieder ins Ausland zu ihren Freunden fahren. Aber natürlich gab es Verluste, weil viele Initiativen vor Ort, die ein Jahr ausgesetzt hatten, ihr Engagement of nicht mehr fortsetzen konnten.

Die Geschichte der »Kinder von Tschernobyl« gegen die Atomkraft wäre vielleicht schon im Archiv gelandet – doch dann kam der furchtbare Schock und ein neues, schreckliches Ereignis, das uns alle wieder wachgerüttelt hat: Fukushima. Und mit Fukushima kam wieder Kraft , die Resignation musste zurückweichen. Wir haben uns wieder zusammengefunden, haben an den Kundgebungen teilgenommen, haben neue Menschen getroffen und uns engagiert, weil – und das ist eine wichtige Erkenntnis – wir nicht mehr verkraften können: Die Menschheit kann kein Tschernobyl und kein Fukushima mehr verkraften.

Es ist ein sehr, sehr schwerer Weg, den wir alle gehen. Wir dürfen uns nicht beruhigen! Durch unsere Aktivitäten ist bei abertausenden Menschen ein neues Bewusstsein entstanden. Wenn wir eine halbe Million Kinder in die Welt geschickt haben mit der Botschaft: »Tschernobyl ist gefährlich. Das ›friedliche Atom‹ ist nicht friedlich,« dann gehören dazu auch diejenigen, die die Kinder aufgenommen haben, die Eltern, auch die Umgebung – das sind Millionen Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, betroffen zu sein, und was es bedeutet, dagegen zu kämpfen. Und auch diese Menschen zähle ich dazu. Und ich bedanke mich sehr, dass dieser Preis uns gefunden hat in Deutschland, wo wir noch Krat haben, Mut und Hoffnung.

Meine vielen Referate, Reden, Vorträge habe ich genannt »Die Hoffnung im Land der Hoffnungslosigkeit«. Ich kann nichts weiter sagen als: Die Hoffnung in der Welt der Hoffnungslosigkeit – wenn wir die Welt aus der Perspektive der Gewalt und der Ungerechtigkeit betrachten – die Hoffnung sind wir!

Und »die Hoffnung ist im Gegensatz zum Optimismus nicht die Gewissheit, dass alles gut ausgeht, sondern das Engagement in der Gewissheit, dass es sich lohnt, egal wie es ausgeht.« Diese Worte von Václav Havel müssen uns beflügeln und ermutigen. Sie müssen in uns den Menschen unterstützen, der wach geworden ist, und der sich nicht abfindet mit dem, was ist.

Vielen Dank!

Pressespiegel und Links

Irina Gruschewaja auf YouTube

Irina Gruschewajas Lebenswerk – Den Kindern von Tschernobyl
Prof. Dr. Irina Gruschewaija über Tschernobyl und Weissrussland - April 13th 2011, Berlin / part1
Prof. Dr. Irina Gruschewaija über Tschernobyl und Weissrussland - April 13th 2011, Berlin / part2