Um möglichst vielen Menschen den Zugang zu Informationen aus dem Buch "Der Tschernobyl-Weg" zu ermöglichen, veröffentlichen wir hier einzelne Kapitel daraus.

Anlässlich der geplanten Inbetriebnahme des zweiten Blocks des belarussischen Kernkraftwerks Ostrowez im Jahr 2020 kommt das Kapitel XIII als Erstes dran.

Ostrowez als Platz der Unabhängigkeit

Man sagt, am besten sei es, aus den Fehlern der Anderen zu lernen. Aber es scheint, dass wir weder aus den eigenen noch aus den fremden Fehlern lernen. Nur dadurch kann man den Bau eines eigenen Atomkraftwerks in Belarus erklären. Und auch dadurch, dass die Anhänger dieses Jahrhundertprojektes nicht wirklich an seine Umsetzung glauben und kaum sich selbst und ihr Leben neben einem neuen Atomkraftwerk sehen.

Dies ist das letzte Interview, das Gennadij Gruschewoj in seinem Leben gegeben hat. Nur wenige Tage vor seinem Tod zeichnete mein Kollege und langjähriger Freund Gruschewojs, Jewgenij Ogurzow, dieses Gespräch auf. Heute liest es sich wie eine Botschaft, die die Belarussen vereinen könnte und sollte.

Jewgenij Ogurzow und Gennadi Gruschewoj

Jewgenij Ogurzow: Was bedeutet Tschernobyl für Sie?

Einerseits ist das ein tragisches Ereignis, sowohl in meinem Leben als auch in der Geschichte unserer Nation. Andererseits ist damit die höchste zivilgesellschaftliche Aktivität in der neuesten belarussischen Geschichte verbunden. Durch diese zwei Punkte kann man eine direkte Verbindung in unsere Zukunft zeichnen.

Tschernobyl war für uns alle das schrecklichste Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Strahlung bedrohte die Gesundheit und das Leben praktisch aller Bürger unseres Landes. Viele Menschen - auch wenn das teilweise bis heute geleugnet wird - verloren ihre Gesundheit, ihr Heim, ihre Arbeit, ihre Familie. Hunderttausende zerstörte Schicksale!

Ich möchte nicht behaupten, dass Tschernobyl unser Volk physisch hätte vernichten können, aber es wurde doch zutiefst traumatisiert. Diesen Fakt kann niemand bestreiten. Hätte man es damit bewenden lassen, wäre das für die Belarussen eine totale Niederlage gewesen.

Es ist also auch Hoffnung damit verbunden?

In den finstersten Zeiten vereinen sich die Belarussen, richten sich auf und erweisen auf das Vielfältigste Opferbereitschaft, Kraft und Geduld. Wenn es keine Bemühungen des Gegenwirkens gibt, dann bedingen solche Katastrophen, dass die Gesellschaft zugrunde geht und der Staat zerfällt. Tschernobyl vereinte unbestreitbar tödliche Gefahr und Konsolidierung der Gesellschaft. Die größte Gefahr bestand für die Kinder, denn ihr Stoffwechsel ist viel aktiver als bei Erwachsenen und so nahmen ihre Organe die Strahlung viel eher auf als ihre Eltern.

Die noch nicht voll ausgebildeten Organe erkrankten also durch die Strahlendosis, mutierten und dies führte zum Tod oder zur Invalidität. Kinder sind naiv und sorglos und damit am stärksten durch das friedliche Atom gefährdet. Vor einem Feuer laufen sie weg, vor der unsichtbaren Strahlung nicht.

Und deshalb gründete Gruschewoj die berühmte gemeinnützige Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ e.V.?

Ja, auch das war ein Beweggrund. Die Gefahr mobilisierte die aktivsten Teile der Gesellschaft, die Menschen begannen, selbst zu handeln, anstatt bei der Regierung um Hilfe zu bitten. Hinzu kam, dass die Parteigenossen und die sowjetischen Arbeiter ausnahmslos logen und die Gefahr, die von der Strahlung ausging, herunterspielten. Mit voller Überzeugung kann ich sagen, dass sich die Belarussen nach der Havarie als wahre Bürger in Höchstform erwiesen haben. Durch die Tschernobyl-Bewegung erwachten sie, wurden von unterwürfigen, schweigenden Sowjetmenschen zu bewussten Bürgern.

Die Menschen erkannten also, dass sie sich auch eigenverantwortlich, ohne die führende Hand von Kreis– und Stadtverwaltung, um ihre Kinder kümmern können.

Die Menschen erkannten, dass sie mit ihren eigenen Kräften tatsächlich ihr Leben verändern können. Damals wie heute denkt doch die Mehrzahl der Belarussen: „Ich bin klein, was kann ich denn ausrichten? Von mir hängt doch nichts ab!“. Und dann konnten die Kinder aus den kleinsten Dörfern plötzlich ohne irgendwelche Gewerkschaftszettel oder Schlangestehen in der Kreisverwaltung nach Deutschland, Italien oder in die Schweiz fahren! Und ohne jegliches Zutun der Verwaltung kamen humanitäre Hilfstransporte an.

Die Menschen organisierten das einfach selbst, ohne Unterstützung staatlicher Stellen und standen im direkten Kontakt zu Initiativen aus dem Ausland.

Damit kehrte der bereits vergessene Glaube in die eigene Kraft als Bürger in die Menschen zurück. Aus eigener Kraft Resultate zu erzielen, das eigene Leben zu verbessern und schließlich durch gemeinsames Handeln auch den Staat zu verändern - dafür wurde das Bewusstsein geweckt.

Mit Blick auf die aktuelle Situation der Zivilgesellschaft in Belarus - genauer gesagt, ihr Fehlen - stellt sich die Frage: Wohin verschwanden diese unzähligen Tschernobyl-Initiativen, die doch teilweise schon die Verwaltung in kleinen Städten und Dörfern übernommen hatten?

Das war höhere Gewalt, der Zerfall der Sowjetunion. Diese Welle des zerfallenden sowjetischen Systems überrollte die gerade aufkeimenden zivilgesellschaftlichen Kontakte. Die Welt zerbricht und eine neue historische Realität entsteht. Wie soll Zivilgesellschaft funktionieren, wenn massenhaft Fabriken schließen, Löhne über Monate nicht gezahlt werden, Schulen, Kliniken und Universitäten nicht wissen, wie es weitergehen soll. Belarus wurde vom Chaos überrollt und die Menschen waren nur mit dem Überleben beschäftigt.

Die Nation war gerade erst auf die Beine gekommen, fühlte sich langsam stark und einflussreich, nicht nur auf regionaler, sondern auch auf staatlicher Ebene und dann bricht plötzlich das sozialistische System zusammen! Eine Zivilgesellschaft bedarf einer gewissen Stabilität, um sich entwickeln zu können. Auf dem Höhepunkt unserer Aktivitäten, im Jahr 1992, waren 14.000 registrierte Mitglieder in den Organisationen, und hinter jedem Mitglied standen noch einmal Dutzende, wenn nicht Hunderte Aktivisten, die freiwillig und uneigennützig für unsere Idee arbeiteten. Und dann kam der Kollaps, nicht nur der Regierung, sondern des gesamten Alltags!

Ganz nachvollziehbar ist das nicht. Die Kommunisten hatten doch die Macht verloren, es fanden freie Wahlen statt, die Menschen bekamen mehr Freiheiten in ihrem Denken und Handeln. Die menschliche Initiative hätte sich dabei doch noch mehr ausbauen müssen, wie es bei Ihren Strukturen geschah, die in ihrer Qualität und Quantität auch Änderungen erlebt haben müssten. Wie kam es dazu?

Sie irren sich gewaltig, denn es war ja keine Demokratie im Land entstanden. Über eine kleine, demokratisch eingestellte Elite ging das bei uns nicht hinaus. Die alten Lichter gingen tatsächlich aus, aber man entzündete jedoch kein neues Licht. Wir steckten im Nebel fest. Dieses Ereignis hatte vorherbestimmt, dass die Tschernobyl-Bewegung langsam zerfaserte und verwischte, da sie es nicht geschafft hatte, zu einer stabilen Plattform für die zukünftige Zivilgesellschaft zu werden. So wurde sie zu einer normalen gemeinnützigen Organisation, der zudem noch von allen Seiten bürokratische Zangen angelegt wurden. Dennoch hat die Bewegung gezeigt, dass in unseren Menschen das Potential des Bürgers und Demokraten steckt, und zwar ein großes.

Ende der 80er Jahre, fand am 26. April, dem Jahrestag der Tragödie, der erste  „Tschernobyl-Marsch“ statt...

Am 26. April 1989 fand nicht der „Tschernobyl-Marsch“ statt, sondern eine Aktion mit dem Titel „Stunde der Trauer und des Schweigens“, es wurden Kränze niedergelegt und Kerzen entzündet. Dies war der erste Punkt, der im kollektiven Bewusstsein gesetzt wurde, um Leid, Schweigen und Trauer um alle, die der Katastrophe zum Opfer gefallen waren, zum Ausdruck zu bringen. Der zweite Punkt war sicher der „Tschernobyl-Marsch“, der im selben Jahr am 30. September stattfand. Es war Ausdruck des Protestes der Massen gegen den Umgang der Politik mit der Tschernobyl-Problematik. Schon im folgenden Jahr wurden diese beiden Punkte - das Gedenken und der Protest - zu einem Ereignis vereint: dem „Tschernobyl-Marsch“ am 26. April.

Was halten Sie vom „Tschernobyl-Marsch“, wie er heutzutage stattfindet?

Nun ja, heute sehen wir leider den totalen Verfall der früheren Ideale der Bürger, die nun zu einem unverständlichen Ritual geworden sind. Was ist das für ein Protest, wenn die Leute aufgerufen werden, über einen ausgetretenen Pfad in den „Park der Völkerfreundschaft“ zu laufen, Blumen an der Tschernobyl-Kapelle niederzulegen und das dann „Tschernobyl-Marsch“ zu nennen? Wohin soll das führen? Nirgendwohin! Im Grunde ist das eine abgedroschene Version der „Stunde der Trauer und des Schweigens“.

Warum ist das so gekommen?

Am Ende der 1990er Jahre kam es zu einem Bruch zwischen den politischen Bewegungen und den spezifischen Tschernobyl-Bewegungen. Die oppositionelle Bewegung der politischen Parteien hörte auf, sich für die Interessen der einfachen Leute einzusetzen. Die Gesellschaft und die Parteien gingen getrennte Wege. Die Oppositionspolitiker waren ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Sie sagten sich von den Menschen los und konzentrierten sich auf den politischen Protest. Die Gesellschaft stand also allein den Machthabern gegenüber. Vorher konnte unsere Bewegung Protest und wirkliche Beteiligung vereinen, Protest und Einfluss auf das Leben der Menschen: Erholungsaufenthalte für die Kinder, Unterstützung der Umsiedler, humanitäre Hilfe für die Bedürftigen, Betreuung von Krankenhäusern und Hospizen, Familienkinderheime.

Sie haben vermutlich konkrete Vorschläge, wie man Protest und Aktivitäten aller demokratischen Kräfte wieder einen könnte?

Die habe ich. Und ich nenne Ihnen auch den Titel dieses Projektes: „Ostrowez!“ Schauen Sie, die Menschen reagieren doch auf keinen der Aufrufe der Opposition. Wenn wir wollen, dass Ostrowez nicht zum nächsten belarussischen berühmten Kriegsdenkmal „Stalin-Linie“ wird, dann muss genau jetzt der „Tschernobyl-Marsch“ wieder auferstehen, um die politische Elite und das Volk zusammenzubringen.

Und wie kann das erreicht werden?

Das war kein Witz, ich denke wirklich, dass der Standort für das belarussische Atomkraftwerk ebenso wie die „Stalin-Linie“ auf politischen Motiven gründet. Jeder weiß, dass es keinerlei wirtschaftliche Begründung für den Bau in Ostrowez gibt. Weshalb gerade die ökologisch sauberste Region des Landes dem Risiko der Verseuchung mit Radionukliden ausgesetzt werden soll, kann kein Wissenschaftler plausibel erklären. Es kommt doch auch niemand auf die Idee, ein chemisches Kombinat in die Belaweshskaja Puschtscha zu bauen? Wirtschaftlich wird das geplante Atomkraftwerk nur Verluste bringen, es löst nicht das Problem der sicheren Energieversorgung. Um uns herum wird genügend Strom produziert, zudem planen Litauen, Russland und Polen ebenfalls Kraftwerke in der Region. Wohin mit all dieser Energie?

Das Atomkraftwerk Ostrowez im Bau, Belarus, 2016. Foto mit freundlicher Genehmigung von Alexander Wajukowitsch, TUT.BY

Wollen Sie damit sagen, dass hier ein rein politisches Problem gelöst werden soll?

Unbedingt! Erinnern Sie sich, wie viele Worte unser Staatsoberhaupt darüber verlor, dass das unabhängige Belarus sich unnötigerweise von den sowjetischen Raketen mit Nuklearsprengköpfen getrennt habe? Das war nicht so dahingesagt. Es ist doch der Traum eines jeden Diktators, wenigstens eine kleine Atombombe zu besitzen.

Denken Sie, dass das Atomkraftwerk Ostrowez diesen Wunsch in gewisser Weise erfüllt?

Warum denn nicht? Allein die Gefahr der Entweichung von Radionukliden ruft doch bei den friedlichen Bürgern Europas eine große Angst hervor.

Wohin soll uns der „Tschernobyl-Marsch“ also führen?

Sicher nicht in den „Park der Völkerfreundschaft“. Dieser erste, richtige Marsch führte über den zentralen Prospekt der belarussischen Hauptstadt und endete mit einer Kundgebung von 200.000 Menschen vor dem Haus der Regierung am Platz der Unabhängigkeit.

Heute ist dieser Platz der Unabhängigkeit „Ostrowez!“ Dort wird die Zukunft Belarus entschieden. Dort, und nirgendwo anders, kann sich die politische Opposition wieder mit der zivilgesellschaftlichen Bewegung vereinen - denn ein zweites Tschernobyl würde unser Land nicht überleben.