Rede von Irina Gruschewaja zum 35. Jahrestag von Tschernobyl

Liebe Freundinnen und Freunde,

heute haben wir uns versammelt, um den symbolischen Tschernobyl-Weg gemeinsam zu gehen. Vor 35 Jahren, am 26. April 1986 ereignete sich in der sowjetischen Ukraine in Tschernobyl, die schreckliche Katastrophe, die ein neues Zeitalter für die ganze Menschheit verkündete. Das Zeitalter, das mit der Vernichtung Hiroshimas begann und leider auch mit Tschernobyl nicht endete. Im Jahr 2011 erlebten die Bewohner der Erde die nächste atomare Katastrophe – in Fukushima. So sind diese Ereignisse zu mahnenden Zeichen geworden.

Für Belarus, ein relativ kleines Land mitten in Europa, mit 10 Millionen Einwohnern stellte sich die Frage des Überlebens nach Tschernobyl. Ob wir damals gewusst haben, dass die Zeit NACH Tschernobyl nie eintritt? Dass am 26. April 1986 das Leben MIT Tschernobyl für Generationen beginnt? Dass der kummervolle Tschernobyl-Weg Millionen Menschen mitnimmt?

Die Stimmen der betroffenen Menschen, die hier laut werden, rufen uns das ganze Ausmaß der Katastrophe erneut ins Gedächtnis. Sie erinnern an die menschliche Dimension des geschehenen Unglücks.

Wo auf der Erde gibt es noch ein Land, wo ganze Dörfer– und es sind mittlerweile 320begraben worden sind? Für diese begrabenen Dörfer wurden in einigen Städten Gedenkstätten errichtet, symbolische Friedhöfe, wo auf jedem Grabstein der Name eines verschwundenen Dorfes steht.

Jeder fünfte Einwohner lebt oder lebte auf verseuchtem Boden. Insgesamt sind es 2,1 Millionen Menschen. 132.000 Menschen wurden zu ökologischen Flüchtlingen. Unzählige Menschen leiden an Immunschwäche und Krankheiten, bedingt durch geringe Dosen Radioaktivität, der sie tagtäglich jahrelang ausgesetzt werden.

Die harte Post-Tschernobyl-Realität des heutigen Belarus ist die Erde, die man nicht beackern kann und deren Früchte nicht ernten darf, Wälder, deren Holz, Beeren und Pilze nicht nutzen darf, Flüsse, in denen man nicht baden und keine Fische fangen darf, Dörfer, in denen man nicht leben kann, Krankheiten und frühe Tode.

Aber wie auch in der sowjetischen Zeit wird die Gefahr durch die Staatspolitik bagatellisiert, verharmlost, ausgeblendet. Seit 20 Jahren wird Tschernobyl mit seinen Folgen von der Tagesordnung der Staatsmacht gestrichen:

  • alle Statistiken verboten,

  • radiobiologische Forschungen begrenzt und gesperrt,
  • das sogenannte Grabgeld (Gehaltszuschüsse für die, die in den verseuchten Gegenden leben) gekürzt oder ganz aufgehoben 

  • und noch vieles mehr! 


Das Wort Tschernobyl ist aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Sogar das Tschernobyl-Ministerium wurde umbenannt: in das Ministerium für außerordentliche Situationen. 


Aber die Gefahr wurde nicht geringer! Der Tschernobyl-Krieg verläuft jetzt sichtbar im Knochenmark der betroffenen Menschen, wird durch mutierte Gene an die nächsten Generationen weitergegeben, ereilt nichts ahnende Menschen mit Krankheiten und frühzeitigem Tod. 
72 Prozent des gesamten radioaktiven Fallouts verseuchten fast das gesamte Gebiet von Belarus - mit verschiedenen Radionukliden, kurzlebigen und auch solchen, deren Halbwertzeit hunderte Tausende Jahre beträgt. 


Diese Katastrophe ist wie eine Pyramide mit der Spitze nach unten. Je weiter wir in der Zeit vom Ereignis sind, desto mehr kommen die Folgen zum Ausdruck. Spätfolgen genannt. Bei den Menschen, in der Tier-und Pflanzenwelt, im Boden. Nein, Tschernobyl ist längst nicht vorbei!

Die Wissenschaftler aus dem belarussischen radiobiologischen Zentrum der Akademie der Wissenschaften stellten fest: Während Cäsium oder Strontium langsam, aber sicher verschwinden werden, wird die gesamte Aktivität der Isotope von Plutonium und Americium -ein äußerst gefährliches, giftiges und aggressives Radionuklid, mindestens so mörderisch wie Plutonium 239- innerhalb noch weiterer 65 Jahre sukzessive ansteigen. Noch etwa 250(!) Jahre lang wird die Aktivität von Plutonium und Americium höher, als deren Werte im Jahr 1986.

Das bedeutet: die Gegenden mit Verseuchung durch die Transuran-Elemente, die infolge des Zerfalls von Plutonium entstehen, werden 35-70 mal höhere Werte aufweisen als die ursprünglichen. Das bedeutet auch, dass noch viele Generationen in diesen Gegenden damit konfrontiert sein werden. Die Zeitbombe wird weiterhin in jedem dieser Menschen ticken. Wann, bei wem und wie sie explodiert, weiß keiner.

„Gedächtnisverlust bei einem einzelnen Menschen ist eine schwer heilbare Krankheit – Amnesie, ein Unglück für den Betroffenen und für seine Angehörigen. Gedächtnisverlust eines Volkes, Amnesie einer Nation, deren politische Leiter, Journalisten, Pädagogen, ihre Vergangenheit vergessen, aus welchen Gründen auch immer, verdrängen oder verzerren, bedeutet eine äußerste Gefahr für die Betroffenen und für ihre Nachkommen“. Diese warnenden Worte hat Lew Kopelew* gesagt, als ich ihm im Herbst 1990 über die Entstehung der Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ in Belarus und die ersten Kinderreisen ins Ausland erzählte.

Ich hatte die Ehre, die erste Bürgerinitiative in Belarus 1989 mitzugründen und ihre Ziele und Aufgaben zu vertreten. Unser Ziel war es, die Wahrheit über die Tschernobyl-Folgen zu erfahren und Hilfe aufzubauen, um vor allem die betroffenen Kinder zu retten. Das Vertrauen in den mächtigen Sowjetstaat wurde endgültig untergraben. Die Menschen erwachten, wurden von unterwürfigen, schweigenden Sowjetmenschen zu bewussten Bürgern. Es war wichtig zu erkennen, dass wir uns eigenverantwortlich, ohne die führende Hand von Stadt-und Kreisverwaltung um unsere Kinder kümmern können.

Und plötzlich konnten die Kinder – dank unserer Initiativen – aus den kleinsten Dörfern ohne irgendwelche Gewerkschaftszettel oder Schlangenstehen in der Kreisverwaltung nach Deutschland, Italien, nach Belgien und Dänemark, nach Österreich und England, in die Schweiz und USA, nach Kanada und sogar nach Japan, insgesamt in 21 Länder der Welt!

Ohne jegliches Zutun der Verwaltung kamen humanitäre Hilfstransporte an. Wir organisierten das einfach selbst, ohne Unterstützung staatlicher Stellen und standen in direktem Kontakt zu den Initiativen aus dem Ausland, die wir zum Teil mitgegründet haben. Heute sagen wir, wir wurden zu einem Teil der internationalen Zivilgesellschaft. Damit kehrte der bereits vergessene Glaube in die eigene Kraft als Bürger in die Menschen zurück. Aus eigener Kraft Resultate zu erzielen, das eigene Leben zu verbessern und schließlich durch gemeinsames Handeln auch den Staat zu verändern – dafür wurde das Bewusstsein geweckt.

So waren auf dem Höhepunkt unserer Aktivitäten, in den Jahren zwischen 1992 und 1995 14.000 registrierte Mitglieder in 71 Rayons von Belarus. Und hinter jedem Mitglied standen Dutzende, manchmal sogar hunderte Aktivisten, die freiwillig und uneigennützig in unseren Reihen arbeiteten. Erholungsaufenthalte der Kinder, Unterstützung der Umsiedler, Koordinierung und Aufbau von immer neuen Selbsthilfegruppen, humanitäre Hilfe für die Bedürftigen, Betreuung von Krankenhäusern und Hospizen, Unterstützung der Liquidatoren - Vereinigungen, Jugend- und Frauenprojekte, Behindertenarbeit und, und, und... Die Energie und Kreativität der Menschen kannten keine Grenzen. Die Stiftung wurde zum Motor der internationalen Tschernobyl-Bewegung, zum wichtigen Knotenpunkt eines immer stärker werdenden Netzes der entstehenden zivilen Gesellschaft.

Aber mit dem Machtantritt von Alexander Lukaschenko im Jahr 1994 veränderte sich die Situation im Lande. Das gigantische Potential unserer Bürger zur Demokratie, das durch unsere Bewegung zum Ausdruck kam, war noch nicht die Demokratie. Die alten Lichter gingen aus. Aber man entzündete kein neues Licht. Wir steckten im Nebel fest. Eine kleine demokratisch eingestellte Elite hatte nicht genug Kraft, um sich durchzusetzen.

Die Tschernobyl- Bewegung zerfaserte und verwischte, da sie es nicht geschafft hatte, zu einer stabilen Plattform für die zukünftige Zivilgesellschaft zu werden. So wurde sie zu einer Reihe normaler gemeinnütziger Organisationen, denen von allen Seiten bürokratische Zangen angelegt wurden. Während der Staat die falsche Politik der Beschwichtigungen wieder aufnahm, Hilfe für Liquidatoren, Behinderte, Kranke, Kinder und die Einwohner der verstrahlten Zone kürzte oder gar beendete, gingen weiterhin 90 Prozent humanitärer Hilfe nicht über staatliche, behördliche oder internationale Organisationen, sondern über gesellschaftliche Vereinigungen, friedensstiftende, kirchliche, ökologische, wohltätige. In Zusammenarbeit mit Bürgern anderer Länder, die aktiv sind, merkten auch die Belarussen, dass auch von ihnen selbst viel abhängt.

660.000 belarussische Kinder sind Botschafter unseres Landes in verschiedenen demokratischen Ländern geworden. Sie haben Brücken gebaut dort, wo der kalte Krieg bis Perestrojka im Jahr 1989 tiefe Klüfte auftat.

Durch und dank den Tschernobyl-Kindern erfuhr die Welt über Belarus. Diese Kinder sind unser Erfolg! Unser Garten der Hoffnung! Wir haben ihnen Freude, Hoffnung und Zuversicht vermittelt, dass sie nicht allein bleiben und dass von ihnen selbst abhängt, wie ihre Zukunft gestaltet wird.

Ihre Erkenntnisse über die demokratischen Werte, Rechtstaatlichkeit, freie Wahlen, offene Gesellschaft, freies Bürgerengagement, Solidarität und soziale Verantwortung konnten sie oft in den von uns aufgebauten Jugendzentren, den sogenannten „Zukunftswerkstätten“, und in den unzähligen sozialen Projekten umsetzen. Und ausgerechnet diese sozialen Projekte wurden zu unserer Barrikade im Kampf gegen die immer härter werdende Diktatur in Belarus. Altenclubs, Diabetesschulen, Behindertenaktivitäten, Resozialisation der straffälligen minderjährigen Mädchen, Humanisierung des Strafvollzugssystems, Betreuung der sozial schwachen Familien mit Kindern, Hilfe für Familienwaisenhäuser, Kongresse und Sommerschulen, Frauenprojekte.

„Was hatte das mit dem Kampf gegen die Atomkraft zu tun?“, fragte manch einer. Und wir antworteten: Ohne demokratisches und eigenverantwortliches Tun ist es praktisch unmöglich, die Entscheidungen eines autoritären Staates zu beeinflussen. Da zählt die Meinung der Bürger nicht, nur der Wille bzw. die Willkür der Machthaber.

Das zeigt auch der Bau des ersten und vorläufig einzigen AKW in Belarus in Astrawez, 35 Kilometer von der EU-Grenze entfernt. Es ist im November 2020 ans Netz gegangen, trotz der Beschädigung des Reaktorbehälters beim Bau, vier Havarien im Probebetrieb und brennender Transformatoren. Die Ergebnisse der Stress-Tests der Europäischen Gruppe der nationalen Atomaufsichtsbehörden wurden nur unzureichend berücksichtigt. Im Februar 2021 bewertete das EU-Parlament das AKW als Risiko für die EU. Alle Proteste gegen das AKW Astrawez wurden und werden in Belarus gnadenlos unterdrückt.

Auch der traditionelle Tschernobyl-Marsch, der jedes Jahr seit 1988 stattfindet, wurde in diesem Jahr verboten. Heute geht wieder eine Walze der Repressionen über das Land. Sie soll nach und nach jeden rebellischen Geist, jedes Freidenken oder eigenständiges Tun in Belarus ausrotten. Die Instrumente der Unterdrückung waren und sind nicht neu, sie bauen auf Gehorsam, Einschüchterung, Verfolgung, Gewalt, Verbote, Willkür. In Belarus geht die Luft für die freie Entwicklung immer mehr aus.

Aber die Hoffnung lebt, der demokratische Geist lebt! Und heute sehen wir, wie die gute Saat aufgegangen ist. Ich sehe in der heutigen Demokratiebewegung, in den Aktivitäten der Höfe und Nachbarschaften von Belarus den Nachhall unserer eigenen Aktivitäten, unseres Versuchs der Demokratisierung und Entwicklung einer freien und selbstverantwortlichen Zivilgesellschaft in Belarus.

Der belarussische Protest, der Versuch den Würgegriff der Diktatur gewaltlos loszuwerden, beeindruckt zutiefst demokratisch denkende Menschen in aller Welt. Die Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ folgt dem Motto des großen Humanisten des 20. Jahrhunderts Albert Schweizer mit seiner Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Dieses Leitbild ist bestimmt immer noch unser Engagement, sei es gegen die Gefahren der Atomkraft oder der Diktatur, denn beides gefährdet ihr das Leben und die Zukunft.

Heute gedenken wir der Opfer von Tschernobyl. Heute sprechen wir unser Tschernobyl-Gebet. Heute bedanken wir uns bei unseren treuen und hingebungsvollen Freundinnen und Freunden hier in Deutschland in vielen Initiativen für ihr Engagement und Solidarität, für die Unterstützung und den Mut für ihre Freundschaft und für alles, was uns ermöglicht, weiterhin engagiert zu sein. Das heißt: die Hoffnung nicht zu verlieren. Tausende und Abertausende belarussische Bürger und Bürgerinnen verlieren mit ihrer Unterstützung nicht die Hoffnung, dass wir alle in einer Welt leben werden, in der nicht die Radioaktivität strahlt, sondern nur die Sonne und das Lächeln der Kinder.

Berlin, 26.04.2021

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