Eure Heiligkeit,

mein Brief ist eine Antwort auf die Einladung zum Dialog, zu dem Sie alle Menschen guten Willens in Ihrer neuen Enzyklika „Fratelli Tutti“ aufrufen. Dieser Brief ist von Ihrem vorgeschlagenen „Traum einer geschwisterlichen Gemeinschaft“ (§ 4) inspiriert, in der wir „die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken“ (§ 8). In diesem Brief möchte ich die Träume des belarussischen Volks teilen, die es „zusammen träumt“ und die „zusammen gebaut“ werden (§ 8) – Träume, in denen die Vision einer geschwisterlichen Gemeinschaft widerhallt, und Wege der Umsetzung, was Sie in Ihrer Enzyklika diskutieren. Ich möchte diese Träume teilen, aber auch die Hindernisse und Schwierigkeiten, die uns unterwegs begegnen. Daher beinhaltet mein Brief auch viele Fragen.

Svjatlana Tsichanouskaja im Juli 2020, © Serge Serebro, Vitebsk Popular News, CC BY-SA 4.0Während Jahrzehnten war die belarussische Gesellschaft der schlimmsten Form der Entfremdung unterworfen, die in der Enzyklika als „keine Wurzeln zu haben und zu niemanden zu gehören“ (§ 53) identifiziert wird. Das belarusische Volk hat seit Urzeiten dank gemeinschaftlicher Solidarität und Selbstorganisation überlebt, eine ihrer Formen, die Talaka, war unter den Belarussen weit verbreitet. Aber nachdem sie Jahrhunderte von Kriegen, Armut, Unterdrückung, Repressionen und verschiedenen Katastrophen, darunter der Unfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl, überlebt hatten, wählten die Belarussinnen und Belarussen Mitte der 1990er Jahre eine Regierung, die Stabilität und Sicherheit versprach. Wie sich herausstellte, war der Preis die Freiheit, das Recht zu wählen und die Unabhängigkeit.

Die aktuellen staatlichen Behörden, die nach dem Prinzip einer rigiden Hierarchie arbeiten, bei der sich die Macht in den Händen einer Person konzentriert, haben auf jede Art Ausdrucksformen von Gemeinschaft und Solidarität, außer den von oben genehmigten, verhindert. Jedwede gemeinsame Aktion innerhalb von Vereinigungen – ob von NGOs, religiösen Gemeinschaften, politischen Parteien oder Gewerkschaften – wurde entweder verboten oder streng kontrolliert und unterdrückt. Die Worte „Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit [und] Einheit“ (§ 14) und sogar das Wort „Volk“ (§ 157) wurden ständig in den Mund genommen, wurden aber als leere Geräusche und Demagogie wahrgenommen, weil sie zur Manipulation, als Herrschaftsinstrumente und als Rechtfertigung für Täuschung, Grausamkeit und Gewalt benutzt wurden.

Es kam zu einer vollständigen Entfremdung des Volkes – der Menschen, die die Quelle der Souveränität sind – vom Staat, vom Bereich der Entscheidungsfindung. Diejenigen, die versuchten, etwas zu sagen, Veränderungen zu bewirken, eine Alternative zu bieten, wurden Repressionen unterworfen: Aktivisten, Menschenrechtsverteidiger und Politiker wurden von den Universitäten verwiesen, von der Arbeit entlassen und verhaftet. 2010 wurden sieben von zehn Präsidentschaftskandidaten festgenommen, einige von ihnen verbrachten Monate oder Jahre in Haft. Einerseits konnte die Teilnahme an politischen Aktivitäten und die Äußerung der eigenen Meinung und Position nichts beeinflussen oder ändern, andererseits war es ein großes Risiko für einen selbst, die eigene Familie, die eigene Gemeinschaft, die eigenen Angelegenheiten. Passivität, diktiert von Machtlosigkeit und Angst, hat die belarussische Gesellschaft dominiert und wurde in der Sprache des Regimes „Frieden“ genannt. In der Tat wurde die belarussische Gesellschaft schrittweise atomisiert und individualisiert, „eine bloße Summe von Individuen“ (§ 157).

Als die ganze Welt begann, der Coronavirus-Pandemie entgegenzutreten, vertrauten die Behörden von Belarus auf die Strategie, das Problem zu ignorieren, während Ärzte, Krankenschwestern und anderes Gesundheitspersonal, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um die neue Krankheit zu bekämpfen, völlig ungeschützt blieben. Nach dem Unfall in Tschernobyl in den späten 1980er Jahren verheimlichte die sowjetische Regierung Informationen über das wahre Ausmaß des Unglücks und ergriff keine Maßnahmen, um die Auswirkungen der Strahlung auf die öffentliche Gesundheit und das Leben zu verhindern; ebenso haben die staatlichen Behörden jetzt während dieser Pandemie versucht, die Menschen zu überzeugen, dass es keine Gefahr gibt, dass die Situation unter Kontrolle ist, dabei haben sie die Kranken- und Totenzahlen unterschätzt, Missachtung gegenüber dem gesunden Menschenverstand und der wissenschaftliche Forschung gezeigt und, am wichtigsten, Geringschätzung für das Leben und die Menschenwürde ihrer Bürger an den Tag gelegt. Im Gegensatz dazu haben die belarusischen Bürgerinnen und Bürger sich angesichts dieses gemeinsamen Kampfs in Freiwilligeninitiativen zusammengeschlossen, um dem medizinischen Personal zu helfen; die Solidarität der Menschen mit dem Gesundheitspersonal während Covid-19 ist ein Paradebeispiel für ihren Sinn für die humanitäre Mission.

Im Juni 2020 hatten Hunderttausende Einwohner von Minsk an mehreren Tagen keinen Zugang zu Trinkwasser, nachdem ein ernster Unfall passiert war und giftige Stoffe ins Wasserversorgungssystem gelangt waren. Eine übelriechende Flüssigkeit, völlig ungeeignet zum Trinken, kam aus den Wasserhähnen in den Häusern der Menschen. Anstatt den Zugang zur Wasserversorgung zu organisieren, bestritten die Behörden die Existenz des Problems und verbreiteten falsche Informationen über die Wasserqualität. Aber wiederum vereinten sich die Menschen selbst in einem großen Netzwerk gegenseitiger Hilfe und transportierten Wasser von einigen Vierteln in andere.

Das führte einerseits dazu, dass das öffentliche Vertrauen in die staatliche Führung komplett untergraben und offensichtlich wurde, dass die staatliche Politik auf Lügen basiert und öffentliche Organe, statt den Menschen zu helfen, bereit sind, Gesundheit und Leben zu opfern. Andererseits wurde aus der gegenseitigen Unterstützung und Solidarität eine Vision von Gemeinschaft, Bruderschaft und Schwesternschaft geboren. Das belarussische Volk, zuvor gespalten, hat verstanden, dass eine solche Gemeinschaft ein Wert und ein Ideal ist, die nicht nur in der Zukunft angestrebt werden sollten, sondern jetzt auf der Ebene der Zivilgesellschaft ungeachtet der Hindernisse seitens staatlicher Institutionen und angesichts von Gesetzlosigkeit und einem autoritären politischen Regime umgesetzt werden sollte.

Während der jüngsten Wahlkampagne hatten viele Menschen den Traum und die Vision einer Gesellschaft, in der die Stimme von allen eine Rolle spielt, „in der im Zentrum allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Handelns“ der Mensch steht, der die „höchste Würde“ genießt (§ 232), in der Konflikte nicht versteckt und zum Schweigen gebracht werden, sondern „durch Dialog und transparente, aufrichtige und geduldige Verhandlungen“ (§ 244) gelöst werden, in der es Raum für einen echten Dialog gibt, ohne „leere Diplomatie, Verstellung, Doppelzüngigkeit, Verheimlichung und gute Manieren, die die Realität verschleiern“ (§ 226).

Der Wunsch nach Einheit und Solidarität sowie die entstandene Selbsterkenntnis des Volkes, das – trotz der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen und unterschiedlicher geopolitischer Orientierungen und von individuellen Interessen motiviert ist – ein gemeinsames Ziel und Sehnsucht hat, ist zum Ansporn der Geburt einer politischen Gemeinschaft geworden. Im Zusammenkommen angesichts einer geteilten Notlage hat das Volk klar die kreative Kraft von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung erkannt.

Die Behörden haben wie gewohnt den Prozess der Vereinigung und politischer Aktivierung behindert, indem sie Anführer aufgrund erfundener Anschuldigungen ins Gefängnis warfen (mein Mann, Sjarhej Tsichanouski, war darunter), indem sie sich weigerten, die für die Nominierungen zur Präsidentschaftswahl gesammelten Unterschriften anzuerkennen, und indem sie die Gesellschaft behinderten, Wahlkommissionen zu bilden und den Wahlprozess zu beobachten. Als Reaktion auf diese Repression entwickelt sich immer mehr Solidarität und Selbstorganisation innerhalb der Gesellschaft. Mit der Überwindung der Angst und der gewohnten Trägheit vereinigten sich die Menschen zu einem gemeinsamen Kampf für ehrliche, faire und transparente Wahlen.

Gläubige und Geistliche der römisch-katholischen Kirche waren sehr aktiv an diesem Prozess beteiligt: auf Initiative von Artjom Tkaczuk, einem Missionar und Sozialarbeiter, wurde die Kampagne „Ein Katholik fälscht nicht“ lanciert. Ihre Aufgabe war, in der breiten katholischen Gemeinschaft die Idee zu fördern, dass faire Wahlen nicht nur eine politische, sondern auch eine moralische Frage sind, die mit dem Glauben und dem Leben entsprechend dem eigenen Glauben zu tun hat.

Ungeachtet ihrer politischen Überzeugungen sind die Menschen von ihrem Wunsch nach fairen, transparenten und demokratischen Wahlen auf dem Weg zu Wandel, auf dem Weg zu Gerechtigkeit, auf dem Weg zum Allgemeinwohl vereint worden. So kam es, dass ich, Svjatlana Tsichanouskaja, eine gewöhnliche belarussische Frau, die sich wie die meisten Belarussen nicht für Politik interessierte, passiv und hauptsächlich mit der Erziehung meiner Kinder beschäftigt war, diese Mission übernehmen musste, die Anführerin der Bewegung für faire und gerechte Wahlen zu werden. Maryja Kalesnikava und Veranika Tsapkala teilten dieses Schicksal mit mir. Jede von uns hat diesen Weg nicht um der Macht willen eingeschlagen, sondern um den Glauben wiederherzustellen, dass die Stimme von jedem menschlichen Wesen bedeutsam ist, dass Solidarität Wunder bewirken kann, dass Liebe und Gewaltlosigkeit stärker als Gewalt sind.

Dieser Weg war nicht einfach für uns. Das belarussische Volk hat das Schicksal des Reisenden von Jerusalem nach Jericho aus dem Gleichnis des barmherzigen Samariters erlitten (Lukas 10,25-37): „Er fiel unter die Räuber, die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.“ Die Belarussinnen und Belarussen wurden ausgeraubt: ihre Stimmen in den Wahlen und ihr Recht, die Wahrheit über die Wahlresultate zu kennen, wurden gestohlen. „Es gibt nur einen Ausweg“, sagte Bischof Aleh Butkevitsch zum belarussischen Volk: „Wir müssen die Wahrheit suchen!... Aber die Wahrheit wird nicht sein, wo Gewalt ist.“  Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz unterstützte die Menschen bei ihrer legitimen Suche nach Wahrheit: „Menschen haben ein Recht, die Wahrheit zu kennen, die nicht jemandes politischen oder wirtschaftlichen Interessen geopfert werden kann.“

Getrieben von der Suche nach der Wahrheit über die Wahlergebnisse, ohne bei der Stimmauszählung anwesend sein zu dürfen, gingen die Menschen zu einer friedlichen Demonstration hinaus. Als Reaktion darauf wurden Bürger*innen, Journalist*innen und Passanten mit Blendgranaten und Gummigeschossen beschossen, geschlagen, verhaftet, gefoltert, unmenschlich und entwürdigend behandelt und ihre Kinder wurden gewaltsam in Waisenhäuser weggebracht. Die Gesundheit Tausender von Menschen wurde ernsthaft verletzt und einige Belarussen verloren sogar ihr Leben – Aljaxandr Taraykouski, Henadz Shutau, Aljaxandr Vichor, Kanstantsin Schyschmakou, Mikita Kryutsou und Raman Bandarenka. Belarusen, blutig, mit ausgeschlagenen Zähnen, mit aufgerissenen Bäuchen, mit gebrochenen Armen und Beinen, verletzt, nicht einmal fähig vor Schmerz zu schreien, wurden auf den Boden von Gefangenentransportern, auf den Boden in den Höfen von Polizeistationen und auf die Betonböden von Gefängnissen geworfen und fühlten sich völlig hilflos.

Als Reaktion auf diese schreckliche Gewalt gingen Frauen auf die Straßen belarussischer Städte; dann folgten Ärzte, Musiker, Athleten, Wissenschaftler, Studierende, Rentner und Menschen mit Behinderungen. Erzbischof Artemij von Hrodna von der Belarusischen Orthodoxen Kirche nannte den Frauenprotest – an dem Frauen, Mütter und Schwestern von geschlagenen Männern, Söhnen und Brüdern mit Blumen und Lächeln auf die Straße gingen – ein wahres Wunder, die Umsetzung des spirituellen Gesetzes: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute“ (Röm 12,21). So brachte die Liebe den „Frieden zurück und stoppte die Gewalt“, sie wurde zu einer heilenden Macht „von den Giften des Bösen und der Aggression“.

Petra Bosse-Huber, eine Bischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland, sah in den mutigen Belarussinnen, die dem Weg von Frieden und Liebe folgen und das Prinzip dieses spirituellen Gesetzes anwenden, „das Bild der schützenden und schirmenden Maria“. Der römisch-katholische Bischof Juryj Kasabutski verglich die Belarussinnen ebenfalls mit Maria, die ohne Angst neben dem Kreuz stand und auf das Leiden ihres Sohnes blickte: „Ihr nahmt die Blumen, ihr kamt heraus, ihr standet, ihr zeigtet der Welt, was alle Menschen verwirrte... Euer Lächeln – ihr habt alle verblüfft; alle standen unter Schock... Ihr kamt heraus und ihr habt begonnen, das Böse mit dem Guten zu überwinden... Ihr könntet den Teufel besiegt haben, ohne es zu wissen... Unsere belarusischen Mädchen, Frauen, unsere Töchter, Schwestern, Frauen, Mütter, Großmütter – ihr seid die Helden unserer Zeit.“

Christinnen waren auch unter den ersten, die besondere Gebete für Belarus inmitten einer wachsenden Welle von Gewalt und Gesetzlosigkeit gegen friedliche Protestierende organisierten. Am 12. August begann die Katholikin Irena Bernatskaja aus der Stadt Lida, täglich den Rosenkranz in der Form der Pompejischen Novene für Frieden in Belarus zu beten, wofür sie am 16. Oktober zu einer großen Buße verurteilt wurde. Am 13. August initiierten mehrere orthodoxe Frauen aus Minsk ökumenische Gebete im Stadtzentrum, auf dem Platz zwischen der orthodoxen Heilig-Geist-Kathedrale und der katholischen Mariä-Namen-Kathedrale. Orthodoxe, Katholiken und Protestanten beteten zusammen und gingen dann in einer Prozession mit Bannern, Ikonen und Bibeln durch die Straßen der Stadt.

Eine Gruppe von gläubigen Frauen in Minsk geht auch jeden Abend hinaus, um den Rosenkranz für Belarus und für die Rückkehr von Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz aus dem Exil zu beten. Die junge griechisch-katholische Gläubige Marysia Bulatouskaja aus Witebsk wurde gebüßt, weil sie in der Nähe einer friedlichen Prozession war und betete. Am 4. Oktober kniete eine ältere Gläubige aus Brest, Elena Gnauk, zwischen den Protestierenden und der Polizei und betete für Frieden und wurde dafür mit 18 Tagen Haft bestraft, ihr droht nun ein Strafverfahren.

Viele Priester verschiedener Kirchen agierten wie der Priester und der Levit im Gleichnis; sie gingen nicht vorbei, aus Angst durch „weltliche Angelegenheiten“ entweiht zu werden. Ihre Antwort war Gebet, Barmherzigkeit und das Erheben ihrer Stimmen gegen Gewalt und Gesetzlosigkeit.

Zwei große interreligiöse Gebete wurden in Minsk und Hrodna abgehalten. In Minsk fand am 19. August auf Initiative von Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz ein interreligiöses Gebet für Frieden in Belarus statt; der katholische Erzbischof hatte dieses Gebet angeregt, an dem Priester der katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen sowie belarussische Juden und Muslime teilnahmen. In Hrodna wurde auf Initiative von religiösen Organisationen verschiedener Denominationen am 16. August im historischen Stadtzentrum eine interreligiöse Gebetsprozession mit Plakaten mit spirituellem Inhalt und gegen Gewalt, für eine friedliche Lösung der politischen Krise und die Freilassung der unschuldig Inhaftierten organisiert. Geistliche und Gläubige von fünf christlichen Konfessionen sowie Vertreter der jüdischen Gemeinschaft gingen auf die Straße.

Protestanten beteten täglich im Zentrum von Minsk und in vielen orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen wurden besondere Gottesdienste abgehalten. In Hrodna läuteten die orthodoxen Kirchen jede Stunde ihre Glocken. Im September führte die römisch-katholische Kirche auf Initiative von Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz eine Wallfahrt zur Statue des Erzengels Michael, dem Schutzheiligen der römisch-katholischen Kirche in Belarus und Bezwinger des Bösen, zum Zweck einer schnellen Lösung der sozialen und politischen Krise durch. Unter Pavel, dem orthodoxen Metropoliten von Minsk, der der Initiative der gläubigen Frauen folgte, die mit den Gebeten nahe der Kathedrale begonnen hatten, wurden Gebete für Belarus ein tägliches Ereignis.

Der neue Leiter der Belarusischen Orthdoxen Kirche, Metropolit Veniamin von Minsk, Pavels Nachfolger, rief die Gemeinde zwei Mal auf, während mehrerer Tage zu fasten. Gebete und Prozessionen fanden in vielen Gemeinschaften in ganz Belarus statt, obwohl sogar Gebete für Belarus gefährlich wurden: In Vaukavysk wurden ca. 15 Teilnehmer eines Gebets für Belarus, das in der orthodoxen Kirche der Hl. Method und Kirill durchgeführt wurde, festgenommen.

Priester zeigten auch Barmherzigkeit und drückten Solidarität mit den Leidenden aus. Seit den ersten Tagen des Protests schloss sich der griechisch-katholische Priester Ihar Kandratsieu den Protestierenden in Brest mit Gebeten und Worten der Unterstützung an, verbrachte Tage auf den Straßen der Stadt und an den Mauern des lokalen Gefängnisses, wo er sich um die Freilassung der geschlagenen Gefangenen bemühte. Dafür wurde er unter Druck gesetzt und mit dem Verlust der Registration seiner Gemeinschaft bedroht. Orthodoxe, katholische und protestantische Priester trafen sich ebenfalls an den Mauern von Strafanstalten, wo Gefangene und Verhaftete festgehalten wurden. Im Zeltlager der Freiwilligen nahe des Akrestsina-Gefängnisses gab es eine Gebetsecke gab. In Hrodna und Minsk versuchten orthodoxe und katholische Priester den Gefangenen Wasser, Essen, Dinge des täglichen Bedarfs und Hygieneartikel zukommen zu lassen. Priester kamen ins Gericht – nach Vaukavysk kamen orthodoxe Priester aus verschiedenen Städten in Belarus, um ihren Kollegen, Priester Alexander Bogdan, zu unterstützen, dem zwei Mal der Prozess gemacht wurde. Priester von vier christlichen Konfessionen kamen an die Gerichtsverhandlung des bekannten Chirurgen und Gläubigen, Alexander Tsylindz, nach Hrodna.

Einige Priester gingen auch hinaus, um offen gegen die Gewalt und Gesetzlosigkeit zu protestieren. Am 13. August ging der orthodoxe Priester Vladimir Drabyscheuski in Homel mit dem Plakat „Stoppt die Gewalt“ auf die Straße. Im September wurde er zwei Mal nacheinander verurteilt und für 25 Tage inhaftiert. Am ersten Abend nach den Wahlen am 9. August wurden zwei römisch-katholische Priester des Dehonianer-Ordens inhaftiert: Eduard Sinkevitsch (zehn Tage) und Alexander Fedotov (acht Tage). In verschiedenen Städten standen Priester in Solidaritätsketten und unterstützten friedliche Menschen und in Lida spendierten orthodoxe Priester Frauen Eiscreme.

Viele öffneten die Tore von orthodoxen und katholischen Kirchen, damit friedliche Demonstranten vor der ungerechten Gewalt und Brutalität der Polizei fliehen konnten, und traten vor die Kirchen, um mit der Polizei zu sprechen (in Zhodzina, Lida, Hrodna und Minsk), aber das half nicht immer. So blockierte die Polizei am 26. August friedliche Demonstrant*innen und Journalist*innen in der Roten Kirche der Hl. Simeon und Helena in Minsk, und am 11. September wurden mehrere gläubige Frauen beim Eingang der Kirche brutal festgenommen.

Zudem posteten Priester in den sozialen Netzwerken und auf Blogs, hielten Predigten, sprachen in den Medien, schrieben Gedichte, aber – und das ist am wichtigsten – hörten sich zahlreiche Geschichten von Gewalt und Folter an, hielten Menschen an der Hand, umarmten sie, wischten ihre Tränen weg, weinten mit den Weinenden, trösteten die Trauernden, beteten für die körperlich und geistig Verwundeten, gewährten materielle Unterstützung und standen zu ihren Gemeindemitgliedern. In seinem Videoblog auf YouTube teilte Vjatscheslau Barok, ein römisch-katholischer Priester aus der Kleinstadt Rasony, zwei Mal wöchentlich seine Überlegungen zur Enzyklika „Fratelli Tutti“ und wandte die Soziallehre der Kirche auf unser tägliches Leben an. Am 12. November 2020 bestellte das lokale Untersuchungskomitee den Priester zum Verhör ein. Ihm droht nun eine Anklage.

In ihren offiziellen Statements riefen die belarussischen Kirchen zu Dialog und Frieden auf. Am 16. August verkündete der Hl. Synod der Belarussischen Orthodoxen Kirche, die Gewalt müsse beendet werden.  Im August wandten sich 50 protestantische Pastoren an die Menschen in Belarus.  Dieser Versuch, zu einer friedlichen Lösung der Krise beizutragen, ist lobenswert. Der Haupttreiber des Dialogs, der auf verschiedenen Wegen eine „Architektur der Welt“ (§ 231), die funktionieren könnte, zu finden versuchte, war Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz.

Er äußerte sich als erster am 11.08.2020, verkündete die Notwendigkeit eines Dialogs  und rief einige Tage später die Behörden auf, „einen konstruktiven Dialog mit der Gesellschaft aufzunehmen, die Gewalt zu beenden und alle unschuldigen Zivilisten, die an friedlichen Kundgebungen verhaftet wurden, freizulassen“. Am 21. August initiierte Erzbischof Kondrusiewicz sogar ein Treffen mit dem Innenminister Juryj Karajev an, um persönlich Fragen zur ungehemmten Gewalt der Polizisten gegenüber Zivilisten zu stellen. Erzbischof Kondrusiewicz versuchte alle möglichen Mittel zu nutzen, um die Situation zu lösen und Spannung abzubauen – durch Gebete, interreligiöse Zusammenarbeit, Aufrufe zum Dialog und Appelle an die staatlichen Behörden. Tadeusz Kondrusiewicz wurde zu einem Beispiel für einen religiösen Anführer unter denen, die berufen sind, „wahre Dialogpartner zu sein“ (§ 284).

Er wurde zu einem Beispiel für einen „authentischen Mittler“, der, indem er seine Stimme zur Notwendigkeit des Dialogs erhebt, „sich bis zum Ende großzügig hingibt, wissend, dass sein einziger Gewinn der Frieden sein wird“ (§ 284). Er repräsentierte eine Kirche, die dient, die aufbricht, die aus ihren Kirchen herausgeht, die aus ihren Sakristeien herausgeht, um das Leben zu begleiten, die Hoffnung zu unterstützen und Zeichen der Einheit […] zu sein […], um Brücken zu spannen, Mauern zu durchbrechen und Versöhnung auszusäen“ (§ 276). Aber auf seine Worte über Frieden, Dialog, Barmherzigkeit, Wahrheit und Gewaltlosigkeit antworteten die Behörden mit Repression und sagten, dass es nicht Sache der Kirche sei, sich „in die Politik einzumischen“  – und der Erzbischof fand sich im Exil wieder, wo er sich jetzt seit mehr als zwei Monaten befindet.

Wir, das belarussische Volk, wollen Dialog. Für unseren Teil haben wir eine Dialogplattform geschaffen – den Koordinierungsrat, in dem maßgebliche Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Medien, Sport und Wohltätigkeit vertreten sind, und auch die religiösen Gemeinschaften waren zur aktiven Teilnahme eingeladen. Im Koordierungsrat gibt es eine Arbeitsgruppe Christliche Vision, die von Theolog*innen, Priestern und aktiven Gläubigen der orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen geschaffen wurde. Sie ist ein Beispiel für ökumenische Kooperation und Dialog für das Allgemeinwohl.

Wir streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit, einem Ende der Gewalt und der Freilassung der politischen Gefangenen sowie nach neuen, fairen, gerechten und demokratischen Wahlen. Dies ist nicht ein Kampf zwischen politischen Ideologien und Clans, Parteien und Gesellschaftsgruppen. Es ist der Wunsch, in einer Gesellschaft zu leben, die auf einem soliden Fundament von Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Dialog erbaut ist. Es ist nicht nur unser Recht, sondern es ist jetzt unsere Pflicht, weil Frieden und Vergebung nicht, wie Sie selbst sagen, Gerechtigkeit für diejenigen, die Ungerechtigkeit unterworfen sind, „verbieten“, die Verteidigung ihrer Recht nicht „verbieten“, „sondern sie sogar verlangen“ (§ 241).

Aber wie sollen wir diesen Dialog aufbauen? Wie können wir Gerechtigkeit fordern, wenn eine Partei – diejenige mit Waffen und Macht – gestohlene Stimmen nicht zurückgeben oder die Gerechtigkeit wiederherstellen oder die Gewalt und Repression beenden wird, sondern nur vorschlägt „weiterzugehen“, „das Kapitel abzuschließen“, die Ungerechtigkeit zu akzeptieren, weil sie sagt, es sei nötig, „vorwärts zu blicken“ (§ 249).

Wir blicken auch auf die Zukunft und träumen von der Zukunft, aber unsere Vision des neuen Belarus ist eine Vision einer geschwisterlichen Gemeinschaft der Solidarität und gegenseitigen Hilfe, die wir selbst erfahren haben und weiterhin erfahren und die unsere Hoffnungen für die Zukunft nährt.

Trotz aller Repression und Gewalt ist der Protest weiterhin friedlich; mehr noch, der Geist von gegenseitiger Hilfe und Solidarität wächst darin wie Hefe im Teig. Unsere Augen haben bereits gesehen, unsere Ohren haben schon gehört, unsere Hände haben schon berührt, unsere Münder hatten schon einen Vorgeschmack der Gemeinschaft, die Belarus sein könnte. Wir wissen, was wir wollen und wonach wir streben – ein neues geschwisterliches, vereintes, integratives Belarus, eines, das in unseren Stadtvierteln schon existiert, in denen Nachbarn einander gestern nicht kannten und sich heute zum Teetrinken versammeln, einander zu Kuchen einladen, zusammen singen und tanzen. Es existiert in der Wirtschaft: in privaten Medizinzentren, die Opfer von Polizeigewalt gratis untersuchen und behandeln, in Blumenläden, die Frauen Blumen geben, in Konditoreien, die Menschen Süßigkeiten spendieren, und in Werkstätten, die Autos gratis reparieren.

Diese Gemeinschaft zeigt sich in einem Straßenchor von Rentner*innen, die die spirituelle Hymne „Mahutny Bozha“ (Allmächtiger Gott) singen, in Vorlesungen von Philosoph*innen auf Spielplätzen, im aufrichtigen Gebet orthodoxer und protestantischer Gläubiger bei der Roten Kirche zur Unterstützung für den verbannten katholischen Erzbischof. Sie wird in Arbeiterteams, Vorlesungssälen, Kunstateliers, Gebetskreisen und Dorfklubs geboren. Die Gesichter und Taten der friedlichen belarusischen Bewegung sind so unterschiedlich, „in die Millionen großer und kleiner Aktionen einfließen, die kreativ miteinander verbunden sind, wie in einem Gedicht“ (§ 169), aber wir alle leben mit einem Traum und einer Vision: der geschwisterlichen Gemeinschaft.

Drei Monate nach dem Beginn der Proteste geschah eine weitere Tragödie. Am 11. November wurde der 31-jährige Künstler und Aktivist Raman Bandarenka im Hof seines Hauses von Unbekannten entführt und landete auf dem Polizeiposten. Von dort wurde er im Koma in ein Krankenhaus gebracht, nachdem er schwer geschlagen worden war. Am nächsten Tag starb er. Ramans Tod schockierte die ganze belarussische Gesellschaft. Gläubige verschiedener Traditionen – orthodoxe, römisch- und griechisch-katholische, protestantische und andere – versammelten sich, um für seine Seele zu beten. An der Messe in der katholischen Kathedrale von Minsk waren nicht weniger Menschen als an Weihnachten und Ostern.

Am Sonntag (15.11.2020) kamen Menschen aus ganz Minsk in den Hof, wo Raman gelebt hatte, um seiner zu gedenken. Doch die Behörden reagierten sehr scharf, mehr als tausend Teilnehmer der Trauerprozession wurden verhaftet und die spontane Gedenkstätte mit Kerzen und Blumen wurde zerstört. Es gibt immer mehr Opfer, aber der Staat sieht das Problem nicht; kein einziges Strafverfahren wurde gegen die Verantwortlichen für diese Gräueltaten aufgenommen. Stattdessen hat die Generalstaatsanwaltschaft Vikarbischof Juryj Kasabutski und Vater Sergey Lepin, den Pressesekretär der Belarussischen Orthodoxen Kirche, mit einer Warnung bestraft, weil sie die Zerstörung des Mahnmals öffentlich verurteilt hatten. Der Tod von Raman und das Leiden all der Menschen lässt uns nicht aufhören, sondern lässt uns nach Antworten auf unsere Fragen suchen…

Wie viel länger müssen wir diesen Weg noch gehen? Wie viele werden noch verhaftet, entlassen, geschlagen und des Landes verwiesen werden, bis unsere Stimme von den Behörden gehört wird? Wer wird uns helfen, uns zu erheben und unsere Wunden zu heilen? Wer wird uns helfen, die Gerechtigkeit wiederherzustellen? Wann wird Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, der versuchte, die Stimme der Kirche und des Volks zu sein, nach Belarus zurückkehren? Wird es der Stimme der Kirche und der Stimme des Volks gelingen, gepanzerte Autoscheiben, die Schilder der Polizei und das ausgeschaltete Internet zu durchbrechen? Welches prophetische Wort hat die Macht, diese Mauern einzureißen und Brücken zu bauen?

Im Namen des belarussischen Volks bitten wir Sie um Ihre heiligen Gebete und Ihr aufrichtiges Wort der Wahrheit und Gerechtigkeit, das für uns alle ein Segen sein wird,

Swetlana Tichanowskaja
Anführerin des demokratischen Belarus

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Originaltext auf Russisch

Bild:© Serge Serebro, Vitebsk Popular News, CC BY-SA 4.0

 

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