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Andacht für Belarus zum 3. Adventssonntag sowie zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10.12.2021

Evangelium Lukas 3,10-18

„Der Ort, von dem aus wir die Welt betrachten, ist ein Ort, an dem es seit mehr als 70 Jahren weder Krieg noch Hungersnot gibt“ - so habe ich es kürzlich wieder gelesen. Das stimmt: „Ein Ort, der den meisten einen Lebensstandard ermöglicht, der sehr viel höher ist als der ihrer Eltern und Großeltern. Ein Ort, dessen soziale Ordnung durch einen demokratischen Rechtsstaat bestimmt ist, der also Meinungsfreiheit, Schutz der Bürgerrechte und Achtung der Menschenrechte sichert...“ (1) Und auch das ist zutreffend, trotz notwendiger Einschränkungen in diesen Zeiten der Pandemie. Wir haben also Grund, zufrieden zu sein!? Vielleicht trägt diese Grundstimmung ja dazu bei, das ganze Elend drumherum nicht zu sehr an uns heranzulassen? Es ist ja auch kaum auszuhalten! Was sollen wir auch tun?

Am 10. Dezember war der Internationale Tag der Menschenrechte. Naheliegend, da auch an Belarus zu denken. Viele hier in Herdorf sind den Kindern von Tschernobyl begegnet, die aus Belarus kommend, 26 Jahre lang zu Erholungsmaßnahmen eingeladen wurden. Seit Wochen sehen wir schockierende Bilder von frierenden Kindern, Frauen und Männern in den Wäldern an der polnisch-belarusischen Grenze. Doch während wir auf die „Migrationskrise“ schauen, fehlen uns die Bilder und Nachrichten der anderen Katastrophe im Land: dem Feldzug von Langzeitdiktator Lukaschenko gegen die Zivilgesellschaft von Belarus und den fast 900 politischen Gefangenen, unter ihnen sieben Minderjährige. All diese Menschen sitzen unschuldig im Gefängnis, weil sie es gewagt haben, von einem neuen, freien Belarus zu träumen. Beide Krisen – an der Grenze und im Land – gehören untrennbar zusammen und können nur gemeinsam gelöst werden. Den Menschen in Belarus werden grundlegende Menschenrechte vorenthalten: Kein Recht auf Freiheit, auf Unverletzlichkeit, auf freie Meinungsäußerung, kein Wahlrecht. (2) Was sollen wir tun?

Genau diese Frage „Was sollen wir tun?“ begegnet uns dreimal im Evangelium vom heutigen 3. Adventssonntag. Warum fragen die Leute Johannes den Täufer so etwas? Der Text gibt dazu keine Antwort. Wir müssen also in die Bibel schauen (Lk 3,7-9), dort steht es: Der Täufer hat ganze Volksscharen angesprochen, die sich von ihm taufen lassen wollten. Die Leviten hat er ihnen gelesen. „Schlangenbrut“ hat er sie genannt. Das heißt doch wohl, dass sie verschlagen seien, dass sie einander nicht liebten sondern zutiefst egoistisch seien. Früchte sollten sie stattdessen bringen, die ihre Umkehr zeigen. Gott lässt nicht mit sich spaßen, er wird richten und Gerechtigkeit herstellen.

„Was sollen wir also tun?“ Die Antwort des Johannes ist zielgerichtet. Da sind die vielen, denen er sagt: Teilt wirklich, seid solidarisch, gebt dem, der in Not ist. Da sind die Zöllner, also alle, die im wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Bereich mitmischen. Denen sagt er: Bleibt korrekt, handelt gerecht, macht euch nicht selbst die Taschen voll. Und da sind die Soldaten, also alle, die per Befehl bzw. im Auftrag der Macht agieren. Denen gegenüber sagt er: Keine Erpressung, keine Misshandlung – so achtet ihr die Menschenrechte.

Das ist Umkehr im Klartext. Konkret, konsequent. Jede und jeder kann mitmachen. Eigentlich ist uns das klar. Der Theologe Paul Zulehner hat einmal festgestellt, dass gerade in den kirchlichen Lebensräumen überdurchschnittlich viele solidarische Menschen anzutreffen sind. (3) Was so schön zu hören ist, hat gewiss mit Gottes neuer Welt, dem Reich Gottes zu tun. Und gleichermaßen überzeugt die Haltung des Täufers, der von sich sagt, dass er nur mit Wasser tauft. Der selbst nicht der Christus, der Messias, ist und es auch nicht sein will. Der sagt: „Es kommt einer, der stärker ist als ich...“

Was sollen wir tun? Solidarisch und gerecht sollen wir handeln und die Menschenrechte achten. Das geht Schritt für Schritt, von Mensch zu Mensch. Überzeugend sind wir Christinnen und Christen durch unsere Haltung – und indem wir „klar sehen und doch hoffen“. (4)

Der Blick auf die bedrückenden Realitäten unserer Zeit steht nur scheinbar im Widerspruch zu der Freude, von der die heutige Liturgie geprägt ist. Gerade durch unsere praktizierte Haltung der Hoffnung und durch alle Zeichen der Freude, der Güte, des Friedens und der Gemeinschaft wird deutlich: Der Herr ist nahe. Amen.

Rudolf Düber, Diakon aus Herdorf

(1) Rainer Mausfeld, Warum schweigen die Lämmer?, Westend 2018, S. 9

(2) vgl. www.razam.de bzw. Lichterkette für Belarus / 28. Nov. 2021

(3) vgl. Paul M. Zulehner, Kirchen-Ent-Täuschungen, K&S 1997

(4) Zitat/Buchtitel von Friedrich Schorlemmer

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