Netzwerktreffen 2019

Netzwerke und Kooperationen für Belarus

In diesem Jahr wurde das zweitägige Treffen vom Verein „Freu(n)de für Belarus“ im Pfarrheim Heimbach-Weis durchgeführt. Der Verein realisiert erfolgreich seit seiner Gründung im Jahr 2011 konkrete Projekte mit engem Lebensbezug. Dabei unterstützt er vor allem Familien mit behinderten Kindern im Dorf Wosnessenskij (Kreis Tschetschersk, Oblast Gomel) und initiiert Fördervereine in Deutschland.

Die Kindererholung wird größtenteils über Spenden finanziert und die Hilfe vor Ort finanziert sich bereits seit 13 Jahren hauptsächlich über die Herstellung und den Verkauf von Clown-Kostümen für den sehr lebendigen Karneval im Rheinland. 

Kreatives Netzwerken ist wichtig

Das Forum begann wie immer mit der Vorstellung der Gruppen und der Personen. Es ergab sich ein buntes, vielfältiges Bild der Beteiligten. Alle haben eine langjährige Erfahrung als eigenständige Initiativen in der Kooperation mit Belarus. Das Vereinigende war dabei, dass sie sich alle auf den Tschernobyl-Weg begeben haben und finden ihre Kooperationspraktiken, mal unter dem Obhut des Staates, mal ganz unabhängig davon, sehr erfolgreich.

Einen Rückblick auf unterschiedliche Kooperationen, auf Erfolge und insbesondere auf Niederlagen, hat Irina Gruschewaja, die Mitbegründerin der Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ in ihrem Vortrag gemacht. Sie betonte, dass zwar nicht alle Kooperationen reibungslos gelaufen waren, aber sie waren trotzdem sehr lehrreich. Im Fall der belarussischen gemeinnützen Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“ lässt sich das durch viele Beispiele veranschaulichen. Da sind einige davon.

(1) Ein Bauprojekt im Jahr 1991 konnte nach deutschen Vorstellungen und Erfahrungen aus den warmen Ländern der „dritten Welt“ schon deshalb nicht erfolgreich sein, weil schon die klimatischen Bedingungen in Belarus nicht erlaubten, die Lehmsteine für den Bau der Häuser für die Umgesiedelten aus den hoch verstrahlten Gebieten, gestampft mit einer primitiven Stampfmaschine, zu trocknen. Die Erfahrungen hieraus haben den Engagierten geholfen, Grenzen zu erkennen und die Bereitschaft gefördert, aus Fehlern zu lernen.

(2) Die Überlegungen zur Realisierung einer Fabrik für ökologische Babynahrung im Jahr 1992-1993, die vielen Schritte bei der Umsetzung der Idee und schliesslich deren Scheitern waren mit vielen persönlichen Enttäuschungen, mit Verlust von Freunden verbunden. Die Erfahrungen dieser zweijährigen Kooperation und das Lernen auf einem „unbekannten Weg“ waren aber sehr wichtig. Trotz der Schwierigkeiten wurde das Projekt nicht aufgegeben, sondern anders gemacht, mit eigenen belarussischen Kräften, ohne hochtechnologische Ausrüstungen. Ökologischer Graupen wurde in einer Kolchose bei Ljachowitschi (Brester Gebiet)doch produziert.

(3) Das Projekt einer Diabetes-Schule für die Kinder erlebte viele Phasen, aus denen man sieht, wie man unbeugsam sein muss, um das Ziel zu erreichen. Begonnen Anfang der 1990er Jahre, konnte es in einer Klinik in Minsk angesiedelt werden. Mit dem zunehmenden Druck des Staates , der immer mehr die Züge einer Diktatur annahm und die zivile Gesellschaft mit ihren vielfältigen Projekten aus allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens verdrängte, mussten die Engagierten nach neuen Wegen suchen. So entstanden die Sommer-Herbst-oder Frühlingsschulen für die Kinder mit Diabetes. Sie existieren bis heute!

Das Diagnose und Behandlungszentrum hingegen, das in Kooperation mit Caritas Linz begonnen wurde, konnte wegen der politischen Zustände in Belarus nicht realisiert werden. Obwohl die Bauarbeiten schon gestartet wurden und die Fachärzte eine Weiterbildung in Deutschland bekommen hatten. Der Staat vertraute seinen Bürgern nicht. Er störte und zerstörte die Früchte der internationalen humanitären Zusammenarbeit, die die belarussische gemeinnützige Stiftung“ Den Kindern von Tschernobyl mit ca.500 Initiativen, in 21 Ländern der Welt aufgebaut hatte.

Über hundert Projekte zählten die Arbeitsgruppen der Stiftung in den 1990er Jahren. Sie entstanden aus Not, die erkannt wurde und die dringendes Handeln erforderte. Da gab es keine Zeit , die Projekte in Details auszuarbeiten. Das Engagement zog Menschen an und kleine erfolgreiche Schritte beflügelten sie.

„In der Stiftung hatten wir immer das Gefühl, wir laufen auf dünnem Eis. So ununterbrochen würden immer neue Projekte ins Leben gerufen. Wenn wir langsamer machen, brechen wir ein“, so die Gründerin der Stiftung Irina Gruschewaja. „Als Bewegung fragten wir nicht nach humanitärer Hilfe, sondern nach Kontakten (1. Schritt). Diese Kontakte hatten zum Ziel, die Kommunikation mit einer Welt zu eröffnen, von der wir nur wenig wussten (2. Schritt). Hieraus erwuchsen Kooperationen (3. Schritt). Schließlich bedurfte es der Kreativität, um Brüche in der Kommunikation zu überwinden (4. Schritt)“.

Der oft schmerzhafte Lernprozess ermögliche den Menschen ihr Engagement richtig einzuordnen. So seien Arbeitsgruppen entstanden, durchdachte und gut berechnete Projekte, die mit Menschen und dem Organisieren zu tun hatten. (sieh das Organigramm der Stiftung)

Auch heute sei es sehr wichtig, bei den Kooperationen kreativ zu sein und auch immer kritisch die Grenzen zu erkennen, denn die Wohltätigkeit realisiere sich dann, wenn sie in den Menschen etwas bewirke!

Hilfe durch Kooperationen

Während der Arbeit in drei Workshop-Gruppen haben sich die Teilnehmer aus Deutschland und der Schweiz über die Rolle von Kooperationen und Netzwerken ausgetauscht. Alle waren sich darüber einig, dass sie ein wichtiges Instrument zur Hilfe für Belarus sind. Die häufigsten Gründe für Kooperationen nannten sie gemeinsames Interesse, Ziele durchzusetzen sowie Erfahrungsaustausch und Effizienz.

Als mögliche Kooperations- und Netzwerkpartner kommen andere Initiativen, gemeinnützige oder kirchliche Organisationen, aber auch Wohlfahrtsverbände, Kommunen, bestimmte Firmen und natürlich feste Partner in Belarus in Frage.

Zu den Kriterien gelingender Zusammenarbeit gehören neben gemeinsamen Zielen Augenhöhe, Toleranz, Vertrauen, persönlicher Kontakt, Austausch sowie das Kennen(lernen) der jeweils anderen Seite: Verständnis füreinander und Solidarität.

Neue Reisebestimmungen

Die Vertreterinnen der gesellschaftlichen Vereinigung „Freude den Kindern“ (Minsk) berichteten zunächst von den neuen Reisebestimmungen in Belarus:

  • Flugreisende können 30 Tage ohne Visum in Belarus bleiben.
  • Ab Januar 2019 dürfen nur noch 25 kg Gepäck pro Kind steuerfrei eingeführt werden.
  • Kindererholungen sind nur in der Zeit vom 1.6. bis 31.8. möglich.
  • Grundschüler, die sich während des Schuljahres im Auslandsaufenthalt befinden, dürfen nur von der eigenen Lehrerin begleitet werden.

Dabei stellten sie fest, dass jedes Jahr immer weniger Kinder eingeladen werden. Von 2017 (750 Einladungen) zu 2018 (500 Einladungen) ist ein rapider Rückgang zu verzeichnen.

Starker Anstieg von Diabetes bei belarussischen Kindern

Die langjährige Leiterin des Projektes „Leben mit Diabetes“ berichtete sehr bewegend über den gesundheitlichen Zustand der Kinder und Jugendlichen in Belarus.

Es sei auffällig, dass viele belarussische Kinder zahlreiche Erkrankungen haben. Viele Heranwachsende seien untauglich für den Einsatz in der Armee. Eine der häufigsten Erkrankungen ist Diabetes, das schon im Kleinkindalter auftritt. Es wird ein signifikanter Anstieg von Diabeteserkrankungen festgestellt: Im September 2018 waren es 1.800 Fälle und seit Beginn 2019 nur in zweieinhalb Monaten sind es bereits 2.578 Fälle.

Die Vereinigung „Freude den Kindern“ führt kontinuierlich Diabetesschulungen durch. Das Diabetesprojekt genießt ein hohes Ansehen und hat eine ganz wichtige Bedeutung für Belarus. Die Erholung für Kinder mit Diabetes in Deutschland hat sich als sehr effektiv erwiesen.

Das Forum verlief wie immer in einer sehr aufgeschlossenen und emotional betonten Atmosphäre. Die Gedenkminute für im Herbst verstorbene Beate Junker, eine langjährige aktive Mitstreiterin der BAG, die Morgenandacht, die emotionalen Berichte von den Erfahrungen der Beteiligten, lebendige Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten füllten das Programm.

Nicht zuletzt war hoch bewegend die Teilnahme und die Rede von Julia Amiri , die als Tschernobylkind am Verschickungsprogramm einst teilgenommen hatte und jetzt beschlossen hat, ihre Energie für die Arbeit des gastgebenden Vereins anzubieten. Mit ihrem Mann, dem Geflüchteten aus dem Iran, arbeitete sie aktiv bei dem Forum mit.

5. Forum in Ibbenbüren

Nach der gemeinsamen Entscheidung 2017 während des 2. Forums der BAG in Fulda erfolgt die Einladung zu jedem nächsten Forumstreffen ab 2019 durch jeweilige Mitgliedsinitiative des Forums. Das nächste Treffen findet im März 2020 in Ibbenbüren (NRW) zum Thema „Tschernobyl verstehen“ statt.

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